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Geschichte
Schwerpunkt Antisemitismus: Diskriminiert, verfolgt und dann ermordet

„Hängt die Juden“, steht auf einem Spruchband der Sturmabteilung SA. Bei dem Aufmarsch auf dem Trierer Hauptmarkt im August 1935 wurde auch ein fingierter Barrikadensturm gezeigt.
„Hängt die Juden“, steht auf einem Spruchband der Sturmabteilung SA. Bei dem Aufmarsch auf dem Trierer Hauptmarkt im August 1935 wurde auch ein fingierter Barrikadensturm gezeigt.
Trier. In der Pogromnacht 1938 werden auch in der Region Trier jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen geplündert und geschändet. Doch es kommt noch weitaus schlimmer. Von Rolf Seydewitz

Als sich Julius Müller am frühen Morgen des 10. November 1938 wie gewohnt auf zur Schule macht, traut der junge Trierer Pennäler seinen Augen nicht. Ecke Saarstraße/Südallee ist der Bürgersteig vor ihm übersät mit zerbrochenen Betten, Stühlen, Tischen und Schränken. Zwischendrin entdeckt der Siebenjährige kaputte Fenster, zerstörtes Glas und Geschirr sowie zerrissenes Bettzeug, aus dem die Federn hervorquellen. Ein paar Meter weiter bietet sich Julius Müller ein ähnliches Bild: Nahezu das komplette Mobiliar aus der Wohnung des jüdischen Viehhändlers Kahn liegt demoliert im Garten hinter dem Haus. „Ich war entsetzt über den brutalen Vandalismus“, erinnert sich der heute 87-Jährige an die damaligen Zerstörungen.

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Schwerpunkt Antisemitismus: Verbrechen, Sühne, Amnestie

Der Trierer Schuljunge Julius Müller 1938 mit seiner Mutter Käthe.Foto: Privat
Der Trierer Schuljunge Julius Müller 1938 mit seiner Mutter Käthe.Foto: Privat

Die Bitburger Synagoge wurde 1938 geschändet, später von Bomben beschädigt und in den 50ern verkauft und abgerissen.
Die Bitburger Synagoge wurde 1938 geschändet, später von Bomben beschädigt und in den 50ern verkauft und abgerissen.

Diskriminiert, verfolgt und dann ermordet

Ernst Schlachter.
Ernst Schlachter.

„Gleichgültigkeit und Wegsehen helfen nicht“

Wie andernorts hatten die Nazi-Schergen am Abend des 9. November 1938 und am folgenden Tag auch in Trier, Wittlich, Bitburg oder Thalfang systematisch jüdische Wohnungen und Läden ge­plündert, Synagogen und Gebetsräume geschändet und Thorarollen verbrannt. SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich hatte zuvor per Telegramm angeordnet, Synagogen nur dann anzuzünden, „wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist“. Zu groß die Angst der Nazis, dass im Eifer des Gefechts auch nichtjüdisches Eigentum und Leben in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.

Als Vorwand für die Novemberpogrome nutzten die Nazis die Ermordung des deutschen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath durch Herschel Grünspan zwei Tage zuvor in Paris. Der 17-jährige Jude wollte damit gegen die Abschiebung seiner Familie aus Deutschland protestieren. Ein Plakat mit der Aufschrift „Heute Nacht ist vom Rath gestorben“ hing auch an einer Hauswand auf dem Schulweg des kleinen Julius Müller, erinnert sich der heute 87-Jährige.

Bei den Exzessen der Nazis werden in ganz Deutschland mehr als 1300 Menschen getötet und 30 000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. 7500 jüdische Geschäfte werden demoliert, rund 1400 Synagogen und Gebetshäuser in Brand gesteckt. „Es war der Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Verfolgung der Juden“, sagt René Richtscheid, der Geschäftsführer des nach dem ehemaligen Vorsteher der Synagogengemeinde Wittlich benannten Emil-Frank-Instituts.

Im Regierungsbezirk Trier leben zu diesem Zeitpunkt rund 1200 Juden. Es gibt etwa 80 Synagogen und Gebetshäuser sowie 40 jüdische Friedhöfe. Besonders viele Juden wohnten in Trier (432), aber auch in den Kreisen Bernkastel (186), Saarburg (127), Trier-Land (226) oder Wittlich (131) gab es eine vergleichsweise hohe Population. Fünf Jahre zuvor, bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten, waren es noch mehr als doppelt so viele. Doch nach und nach wurde das Leben für die Juden selbst auf dem Land immer schwieriger, tauchten an den Ortseingängen vieler Dörfer Schilder auf mit Inschriften wie „Juden unerwünscht!“ oder „Zutritt für Juden auf eigene Gefahr!“.

Davon berichtete auch der damals mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Wittlich lebende Ernst Schlachter, der als selbstständiger Reisender sein Geld verdiente. Der zum Katholizismus konvertierte Jude ist den Nazis auch wegen seiner Mitgliedschaft in der örtlichen KPD ein Dorn im Auge.

Nach dem Reichstagsbrand im Februar des Jahres 1933 wird er inhaftiert und später nur unter einer ganzen Reihe diverser Auflagen wieder aus der „Schutzhaft“ entlassen.

Nachdem am Vormittag des 10. November 1938 erst die Synagoge und dann die Wohnungen und Geschäfte der Juden verwüstet werden, wird Ernst Schlachter der Gewerbeschein entzogen. Seiner Ehefrau wird nahegelegt, sich endlich von „ihrem Juden“ scheiden zu lassen, berichtet der Wittlicher Franz-Josef Schmit.

Schmit hat Buch über die Verfolgten und Opfer des NS-Regimes geschrieben. Ihm zufolge flüchtet die Familie Schlachter Anfang 1939 nach Holland und haust schließlich, weil die geplante Emigration nach Brasilien scheitert, bis Kriegsende auf dem Fruchtspeicher der Schwiegereltern. Auch in Kyllburg, wo 1933 noch etwa 50 Juden leben, wird die Situation nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Monat zu Monat schlimmer. Von der Ende 1934 erlassenen Verordnung, wonach auch alteingesessene Betriebe eine neue Konzession beantragen müssen, ist auch die seit Jahrzehnten in Kyllburg und den umliegenden Orten ansässige jüdische Familie Nussbaum betroffen. Einige Familienmitglieder emigrieren. „Vor allem die Jüngeren sind damals ausgewandert“, sagt der Wissenschaftler René Richtscheid.

Den Zurückgebliebenen bleibt im wahrsten Sinne des Wortes eine Galgenfrist. 1938 leben in Kyllburg und Malberg noch 16 Juden, vier Jahre später nur noch fünf, wie der Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine, Toni Nemes, recherchiert hat. Die Mitglieder der Familie Nussbaum wurden deportiert, starben im Ghetto oder wurden später im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Auch in Trier beginnt schon lange vor der Pogromnacht die syste­matische Ausgrenzung und Verfolgung der Juden. Schon 1933 ruft die SA zum Boykott jüdischer Geschäfte auf und hindert Kunden am Betreten der Läden. Führende jüdische Persönlichkeiten werden in „Schutzhaft“ genommen, berichtet die Trierer Historikerin Jutta Albrecht, darunter ein jüdischer Rechtsanwalt sowie Max und Albert Haas, die ein Kaufhaus und eine Firma betreiben. Es folgen die 1935 von den Nazis erlassenen Nürnberger Rassengesetze, die die jüdischen Bürger endgültig zu Menschen zweiter Klasse degradieren und ihre gezielte Diskriminierung vorbereiten.

Als die Ehen zwischen Nichtjuden und Juden verboten werden, sind Elise und Leo Heinz schon seit sieben Jahren verheiratet. Er ist Katholik, sie Jüdin. Das Paar aus Köln ist nach Speicher gezogen, weil der Buchdruckermeister in Speicher Arbeit gefunden hat. Leo Heinz muss irgendwann an die Front, seine jüdische Ehefrau pendelt zwischen dem Elternhaus in Köln und ihrer neuen Heimat Speicher, wo sie sich in einer kleinen Wohnung vor den Nazis versteckt. Das weiß auch der Bürgermeister, als er 1939 seinem Landrat meldet, dass Speicher judenfrei sei, erzählt der Heimatforscher Werner Peter Streit, der die Geschichte der Familie Heinz recherchiert hat. Bis Kriegsende fliegt die Sache nicht auf, obwohl viele im Ort von dem Schwindel wissen. Nicht nur Elise Heinz überlebt die Schreckensherrschaft der Nazis. Auch ihr Ehemann Leo kehrt lebend von der Front nach Speicher zurück.

Andere haben weniger Glück. Die Familie Kahn, an deren verwüsteter Wohnung in der Trierer Saarstraße der kleine Julius Müller am Morgen des 10. November 1938 vorbeigegangen ist, ereilt das gleiche Schicksal wie Millionen weitere jüdische Mitbürger. Zwei Jahre nach der Pogromnacht werden die Familienmitglieder von den Nazis aus ihrem Haus geworfen und vorübergehend in ein sogenanntes Judenhaus einquartiert. Ein Jahr später werden sie in das Todeslager Auschwitz deportiert. Der letzte Zug dorthin verlässt Trier am 17. Juni 1943. Danach wird die Stadt für „judenfrei“ erklärt.