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So scheiterte das erste Rockfestival am Ring

Christof Bösche.
Christof Bösche. FOTO: privat
Nürburgring. Wer hat Rock am Ring erfunden? Um das zu klären, sahen sich bekanntlich am Montag die Insolvenzverwalter des Nürburgrings und Konzertveranstalter Marek Lieberberg vor dem Landgericht Koblenz. Ginge es nach Christof Bösche, hätte das Treffen getrost ausfallen. Der heute 70-Jährige sagt: „Ich habe Rock am Ring erfunden – und kein anderer.“ Jan Lindner

Es war 1980 im kleinen Eifelörtchen Rodder im Kreis Ahrweiler, vier Jahre vor der ersten Auflage von Rock am Ring, als Bösche und seine Kumpels ein für damalige Verhältnisse gigantisches Rockkonzert planten. 50 000 Rockfans sollten kommen, stattfinden sollte das dreitägige "Woodstock von Deutschland" vom 30. Mai bis zum 1. Juni im Streckenabschnitt Schwalbenschwanz - der Name: "Rock am Ring Rodder". Doch das kleine Örtchen Herresbach machte den fortschrittlichen jungen Leuten einen ordentlichen Strich durch die fast gänzlich fertige Rechnung, wie die Rhein-Zeitung aus Koblenz berichtet.

5000 Karten waren schon verkauft. Sie hatten in ihrer Euphorie einen Werbefeldzug durch ganz Deutschland gestartet. Bösche: "Wir waren in ,Spiegel' und ,Stern', in vielen TV- und Radiosendungen." Sie hatten ein halbes Jahr geplant, Hunderte Werbeplakate drucken lassen im A1-Format für "Zigtausende Mark", wie Bösche sagt. Mit größeren Festen kannte er sich aus: Als Jura- und VWL-Student hatte er in Bonn ein Uni-Sommerfest mit 20 000 Leuten organisiert.

Die Bands waren auch schon engagiert. Es waren nicht die großen Namen, sondern damalige Nachwuchsbands aus der Hard-, Polit- und Soft-Rock-Szene wie Luzifers Friend, Morgenrot und Wallenstein. Eigentlich wollten Bösche und Co. die Scorpions und Udo Lindenberg in die Eifel holen: "Aber die haben unheimlich hohe Gagen verlangt." 23 Gruppen sollten am Schwalbenschwanz aufspielen, 44 Stunden lang für nur 25 Mark. Zum Vergleich: In diesem Jahr kostete das Rock-am-Ring-Ticket 213,50 Euro.

Dazu hatten sich Bösche und seine Freunde mehrmals mit Polizisten verschiedener Bereiche getroffen: Drogen, Kripo, Verkehr, Bereitschaft, Schutz. "Die waren alle begeistert, die Zusammenarbeit hat wunderbar geklappt." Ein wenig mehr Überzeugungsarbeit mussten sie beim Adenauer Stadtrat leisten: Aber auch der stimmte schließlich für das Riesen-Rockkonzert in der Eifel - wenn auch mit einer knappen Mehrheit. Auch mit der Nürburgring GmbH um den damaligen Geschäftsführer Friedhelm Demandt war alles geklärt. Sie hatten also alle Zweifel aus dem Weg geräumt und sowieso alles bedacht - dachten sie zumindest. Denn eins fehlte: ein Parkplatz, auf dem die Rockfans campen und ihre Autos abstellen konnten. "Das war Bedingung der Polizei", erinnert sich Bösche. Das letzte Hindernis also - aber das war unüberwindbar, wie Bösche kurze Zeit später ziemlich zerknirscht merken sollte.

Der Gemeinde Herresbach gehören wie den anderen Orten entlang der Nordschleife die dortigen Grundstücke. Ein Herresbacher Bauer besaß gleich mehrere große Wiesen am Schwalbenschwanz. Eigentlich eine gute Ausgangslage.

Doch was für ein Trugschluss. Denn Bösche kann sich noch heute daran erinnern, wie er besagten Bauern zweimal versuchte umzustimmen. Er traf ihn jeweils beim Melken seiner Kühe an. Bösche: "Ich habe auf ihn eingeredet, ihm viel Geld versprochen und noch ein paar Tausender draufgelegt." Doch der Bauer habe nur gesagt: "Die Langhaarigen will ich hier nicht." Daraufhin er: "Gucken Sie mich an, ich habe auch keine langen Haare." - "Aber einen Bart." Der damalige Herresbacher Bürgermeister Richard Jonas fürchtete zudem unter dem Eindruck der Ausschreitungen beim Loreley-Festival 1978 eine Situation, die er "nicht verantworten könne".

Bösche versuchte noch, für Ende August einen anderen Veranstaltungsort zu finden - ohne Erfolg. Heute sagt er: "Natürlich hätten wir damals erst die Verträge für die Parkplätze verhandeln müssen, bevor wir so viel Werbung machen." Aus der ganzen Geschichte ist er glimpflich rausgekommen, wie er sagt, ohne finanziellen Schaden: "Es haben nicht alle ihr Geld für die Tickets zurückverlangt." Wenige Wochen später verließ er seinen Bauernhof in Rodder und wanderte mit Frau, Kindern und elf Pferden nach Dänemark aus. 28 Jahre hat er an der Westküste in Hvide Sande gelebt, zwölf Jahre einen Reiterhof betrieben. Seit drei Jahren wohnt er an der Ostküste bei Helsingör.

In den Streit zwischen Lieberberg und dem Nürburgring will er nicht eingreifen: "Davon hätte ich nichts. Wenn, dann hätten wir das 1984 tun müssen." Zudem hat er sich damals den Namen "Rock am Ring Rodder" nicht sichern lassen. Er sagt aber: "Mich ärgert, dass Lieberberg sich hinstellt und behauptet, er hätte den Namen Rock am Ring erfunden." Immerhin hat Lieberberg vier später Jahre geschafft, was bei Bösche nicht funktionierte. Und was aus dem ersten Rock am Ring 1984 in den 30 Jahren danach geworden ist, ist bekannt.