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Nachtverkäufe
Wenn nachts der Durst kommt: Trierer kämpft für „Spätis“ im Land

Ein Hinweisbanner weist am Eingang einer Tankstelle in der Innenstadt von Trier weist am 08.12.2017 auf den ersten Bürgerentscheid in der Moselstadt hin. Die im Trierer Volksmund auch als „Blaue Lagune“ bezeichnete Tankstelle mit Shop soll dicht gemacht werden. Im ersten Bürgerentscheid der Stadt am 10.12.2017 sollen die Trierer ihre Stimmen pro oder contra Erhalt abgeben. (Foto zu dpa-Text) Foto: Harald Tittel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Ein Hinweisbanner weist am Eingang einer Tankstelle in der Innenstadt von Trier weist am 08.12.2017 auf den ersten Bürgerentscheid in der Moselstadt hin. Die im Trierer Volksmund auch als „Blaue Lagune“ bezeichnete Tankstelle mit Shop soll dicht gemacht werden. Im ersten Bürgerentscheid der Stadt am 10.12.2017 sollen die Trierer ihre Stimmen pro oder contra Erhalt abgeben. (Foto zu dpa-Text) Foto: Harald Tittel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ FOTO: Harald Tittel / dpa
Trier. Braucht es Anlaufstellen, um rund um die Uhr einkaufen zu können? Land, Kirchen und Gewerkschaften nennen Gründe, warum sie das ablehnen. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

„Die Klingel“ ist ein Name, bei dem Frank Jöricke in Nostalgie verfällt. Der Trierer erinnert sich an die Wohnung hinter der Tuchfabrik, wo Bewohner tief nachts illegal Getränke verkauften. Wer Insider war, klingelte, trat in den von Zigarettenhauch umhüllten Raum, bekam von einer Frau einige kühle Biere in die Hand gedrückt, zahlte ein paar Mark und zog zufrieden weiter nach Hause, sagt er.

Geht es nach dem 50-Jährigen, braucht Rheinland-Pfalz ein Gesetz, um „Spätis“ tatsächlich zu erlauben, auch Spätkäufe, Büdchen oder Kiosk genannt. Nie hätte sich die Stadt über eine Tankstelle wie die Blaue Lagune überworfen, wenn es nicht die Chance geben würde, an anderen Stellen nachts einzukaufen, findet Jöricke.

Mit einer Petition will der Trierer nun aufrütteln und verweist auf andere Bundesländer, wo für Nachtkioske Ausnahmen abseits der Ladenöffnungszeiten gelten. Eine TV-Anfrage zeigt: In Hessen dürfen Kioske auch sonn- und feiertags bis zu sechs Stunden öffnen, wenn sie Zeitungen, Tabak, Lebens- und Genussmittel anbieten. Für bestimmte Warengruppen gelte das auch in Baden-Württemberg, in Nordrhein-Westfalen handelt es sich um fünf Stunden, teilen die Arbeitsministerien mit.

In Rheinland-Pfalz dürfen Kioske ausschließlich außerhalb der Ladenöffnungszeiten Waren verkaufen, wenn Betreiber eine Gaststättenkonzession besitzen. 24 Stunden lang in der Woche dürfen nach dem Gesetz in Rheinland-Pfalz ohnehin nur Personenbahnhöfe, Flughäfen, Schiffsanlegestellen und Tankstellen Läden öffnen, um den Bedarf von Reisenden zu decken. Frank Jöricke wirft der SPD im Land vor, sich zur „Lobby von Mineralölkonzernen“ zu machen. Und er mahnt an: „Wir sind doch nicht provinzieller als Ostwestfalen und der Taunus.“

Das SPD-geführte Arbeitsministerium in Mainz lehnt es ab, für Nachtkioske eine Ausnahme von Ladenöffnungszeiten zu machen. Auf TV-Anfrage teilt eine Sprecherin mit, eine solche könnte die Nachfrage nach Tabak- und Süßwaren in gastronomischen Betrieben verringern und von diesem Unternehmerkreis kritisch bewertet werden. Ferner warnt das Ministerium davor, dass Anwohner durch zu viel Lärm belästigt werden. Zudem rechne das Land nach 22 Uhr mit mehr Konflikten, wodurch Polizei und Ordnungsämter steigende Arbeit hätten.

Davor warnt auch Alex Sauer, der für Verdi in der Region Trier arbeitet. Eine Gefahr sieht er für Kioskbetreiber, die nachts arbeiten und oft alleine im Laden stehen. Das kenne er von früher, von den Schlecker-Drogerien, wo meist nur eine Mitarbeiterin das Geschäft hütete, sagt er. „Die Läden waren ein beliebtes Ziel von Einbrüchen, manche Mitarbeiterinnen wurden schwer verletzt. Die Lockerung von Öffnungszeiten sei ohnehin keine Job-Garantie, verschlechterte aber die Arbeitsbedingungen massiv, sagt Sauer.

Auch das Bistum Trier sieht es kritisch, Gesetze aufzuweichen. Grundsätzlich sei es ein Anliegen, die Erholungsphasen des Menschen im Blick zu behalten, sagt eine Sprecherin. Für den Trierer Landtagsabgeordneten Sven Teuber (SPD) und Daniel Köbler (Grüne) sollen auch Familie und Beruf vereinbar sein.

Trotz des Widerstands will Jöricke für Nachtverkäufe in Rheinland-Pfalz kämpfen. Sein Urteil: „Das Verbot ist nichts anderes als Bevormundung.“

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