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Vernichtender Mängelbericht für Cattenom

Saarbrücken. Mängelbeseitigung ja, abschalten nein: Der unter anderem von Rheinland-Pfalz beauftragte Beobachter des Stresstests des Kernkraftwerks Cattenom fordert vom Betreiber eine schnellstmögliche Beseitigung von Mängeln. Eine sofortige Abschaltung der vier Reaktoren fordert er aber nicht. Bernd Wientjes

Cattenom ist keine Ausnahme. Alle 58 französischen Kernkraftwerke sind unzureichend gegen Naturkastrophen geschützt. Bei Fluten, Erdbeben oder Stromausfällen droht in allen Anlagen der atomare Gau (größte anzunehmende Unfall). Das hat eine vor zwei Wochen bekanntgewordene Studie des französischen Instituts für Nuklearsicherheit ergeben (der TV berichtete).

Die Gegner jubeln

Am selben Tag als die brisanten Ergebnisse herauskamen, verkündeten Sozialisten und Grüne im Nachbarland, dass sie im Falle eines Siegs bei den Präsidentenwahlen im April kommenden Jahres innerhalb der nächsten 14 Jahre 24 der 58 französischen Atomkraftwerke abschalten würden. Die Gegner des grenznahen, 26 Jahre alten Kraftwerks Cattenom an der französischen Obermosel jubelten angesichts des bis dahin im Nachbarland kaum für möglich gehaltenen Atomkompromisses. Immerhin gehört Cattenom neben dem Reaktor im elsässischen Fessenheim zu den ältesten Reaktoren im Land.

Die Atomkraftgegner in der Region sind sich sicher, dass die Anlage an der Obermosel zu den Meilern gehört, die als erste vom Netz gehen. Da ist sich der vom Saarland, von Rheinland-Pfalz und von Luxemburg beauftragte Beobachter des Stresstests in Cattenom, Dieter Majer, aber nicht so sicher. Als er seine Auswertung des vom Cattenom-Betreiber, dem französischen Energiekonzern EDF, vorgenommenen Stresstests gestern vor Parlamentarieren aus den drei Ländern in Saarbrücken vorstellte, schloss er nicht aus, dass Cattenom noch länger am Netz bleiben wird.

Jedenfalls fordert Majer nicht eindeutig, wie von vielen der im Interregionalen Parlamentarierrat zusammengeschlossenen Abgeordneten erhofft, eine Abschaltung des Kernkraftwerks. Er sei nur Beobachter, betont er immer wieder. Allerdings hält er die von EDF festgestellten Mängel für "nicht akzeptabel" und empfiehlt den Parlamentariern: "Die Region muss Druck machen." Damit EDF etwa zusätzliche Notstromaggregate einbaut, die im Falle eines Stromausfalls durch ein Erdbeben die Stromversorgung der vier Reaktorblöcke sicherstellen sollen. Erst bis 2020 will EDF diesen Mangel beseitigen, sagt Majer. Auch die Sicherung des Kühlkreislaufs nach einem Erdbeben müsse schneller als geplant verbessert werden, fordert Majer. Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im März dieses Jahres hatten sich die EU-Länder darauf verständigt, alle Kernkraftwerke einem einheitlichen Stresstest zu unterziehen. Im Juni 2012 sollen die offiziellen Ergebnisse für Cattenom vorliegen. Majers Mängelbericht beruht auf der Auswertung von Stresstestunterlagen und seinen eigenen Beobachtungen bei einer Begehung der Anlage. Kurz nach seiner Berufung im Sommer hatte er noch gesagt, nach deutschem Atomrecht sei Cattenom vermutlich nicht genehmigungsfähig. Zu dieser eindeutigen Aussage konnte sich der Nuklearexperte gestern nicht durchringen.

Kritik an Sicherheitsstandard

Von 1999 bis zu seiner Pensionierung im Frühjahr 2011 war Majer Leiter der Abteilung Sicherheit von kerntechnischen Einrichtungen im Bundesumweltministerium. Das Saarland und Luxemburg hatten sich im Juli auf ihn als gemeinsamen Beobachter des Stresstests geeinigt. Später entschloss sich Rheinland-Pfalz ebenfalls dazu, ihn als Beobachter zu benennen. Majer kritisierte vor allem, dass Cattenom nicht ausreichend für eine Überflutung etwa durch einen Dammbruch des oberhalb der Anlage gelegenen Stausees gesichert sei. Auch gebe es keine Sicherheitsvorkehrungen für ein heftigeres Erdbeben als der Stärke 5,4 auf der Richterskala. Cattenom sei nur für ein Erdbeben dieser Stärke ausgelegt, sagt Majer.

Die Erkenntnisse decken sich weitgehend mit denen der französischen Nuklearbehörde ASN. Diese hatte bereits bei einer Inspektion Cattenoms im August dieses Jahres, an der Majer teilgenommen hat, einen mangelnden Notfallplan und nicht funktionierende Notstromaggregate bemängelt.

In dem Inspektionsbericht heißt es, dass Cattenom nicht ausreichend auf eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben vorbereitet sei. Was laut Institut für Nuklearsicherheit für alle 58 Meiler in Frankreich gilt. Die bisher vorliegenden Empfehlungen raten für Cattenom, zusätzliche Stromversorgungen und Kühleinrichtungen zu schaffen.

Land fordert Abschaltung

Die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke kritisiert, dass die französischen Expertengruppen die Mängel, die der Stresstest ergeben hat, nicht ausreichend in ihren Empfehlungen für die Anlage berücksichtigt hätten. Doch selbst wenn die empfohlenen Maßnahmen umgesetzt würden, führe kein Weg daran vorbei, das Kraftwerk abzuschalten, fordert Lemke. "Wir wollen keine Katastrophe erleben", sagt die Ministerin. Lemke prangert außerdem an, dass bei der Untersuchung nicht die Folgen eines Flugzeugabsturzes berücksichtigt worden sind. Auch terroristische Angriffe sind nach Ansicht der Saarburger Grünen-Landtagsabgeordneten Stephanie Nabinger nicht berücksichtigt worden - obwohl das in den EU-Vorgaben für die einheitlichen Stresstests eindeutig verlangt worden sei. Daher hält Nabinger den Stresstest für Cattenom für unzureichend. Die in dem AKW vorgenommenen Tests seien unzureichend. Die Verantwortlichen seien nicht den EU-Standards gefolgt. "Es ist schlicht und einfach nicht akzeptabel, dass man sich in Cattenom nicht an die Vorschriften der EU hält", sagt Nabinger