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Schule
Viel Tamtam ums ABC: Was tun gegen schlechtere Rechtschreibung von Schülern?

Hier wartet noch viel Arbeit: Ein Kind aus der Grundschule schreibt viele Wörter noch falsch. Um die Methoden, das Schreiben richtig zu lehren, ist in Rheinland-Pfalz ein Streit entbrannt.
Hier wartet noch viel Arbeit: Ein Kind aus der Grundschule schreibt viele Wörter noch falsch. Um die Methoden, das Schreiben richtig zu lehren, ist in Rheinland-Pfalz ein Streit entbrannt. FOTO: picture alliance / dpa-tmn / Matthias Hübner
Trier/Bitburg/Mainz. Die Rechtschreibung von Schülern verschlechtert sich, sagen Lehrerverbände. Dahinter steckt mehr als eine umstrittene Methode. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

„Schraibän nach Gehöa“, lästert die rheinland-pfälzische CDU-Fraktion auf ihrer Facebookseite und untermalt die Grafik mit einem traurigen Smiley-Gesicht. Die Ansage der Partei ist unmissverständlich: Die rot-gelb-grüne Ampelkoalition im Land soll waghalsige Experimente bleiben lassen und klare Regeln für die Rechtschreibung schaffen, fordert die CDU, die sich am Schreiben nach Gehör stört. Der parlamentarische Geschäftsführer Martin Brandl kritisierte jüngst die Methode, die auch an Grundschulen in Rheinland-Pfalz unterrichtet wird: „Der Prozess, Rechtschreibung richtig zu lernen, wird durch jahrelanges, falsches Schreiben konterkariert“, schimpfte er. Auch der AfD-Landtagsabgeordnete Joachim Paul wettert: „Dort, wo die Eltern nicht Rechtsanwälte oder Ärzte sind und die Fehler der Methode ausmerzen, leiden Kinder verheerend.“

Viel Tamtam ums ABC. Was steckt dahinter? Kritiker fühlen sich durch eine Studie der Uni Bonn auf den Plan gerufen. Wissenschaftler beobachteten dort den Lernfortschritt von 3000 Grundschülern in Nordrhein-Westfalen. Das Ergebnis: Kinder, die mit Schreiben nach Gehör unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Fehler als Jungen und Mädchen, die über die Fibel Wörter auswendig lernten.

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Zwischen den Lehrerverbänden ist seitdem ein offen ausgetragener Konflikt entfacht. Der rheinland-pfälzische Philologenverband, der die auf das Abitur vorbereitenden Lehrer vertritt, findet klare Worte. „Wir sind für eine Abschaffung der Methode“, sagt Jochen Ring. „Lehrer melden uns in den fünften und sechsten Klassen höhere Fehlerquoten bei Kindern, die über das Schreiben nach Gehör unterrichtet wurden.“ Wo die Methode anfangs Schüler motivieren solle, sich unbefangen dem Schreiben zu widmen, erlahme der Elan spätestens dann, wenn Diktate voller Fehler seien. Christian Buchner vom Landesverband der Deutschlehrer warnt vor Schwächen der Methode. Laute wie „F“, „V“ oder „Ph“ klängen zu ähnlich. Aus dem richtig geschriebenen „Vogel“ würden Kinder so schnell den falsch geschriebenen „Fogel“ machen. „Fehler schleifen sich über Jahre falsch ein und lassen sich in höheren Klassen nur noch mit Mühe und Not abtrainieren lassen.“

Der Deutschlehrerverband fordert für Rheinland-Pfalz nicht nur, die Methode abzuschaffen, sondern in fünften und sechsten Klassen auch Notenabzüge für zu viele Schreibfehler in Aufsätzen durchzusetzen. Die Rechtschreibung werde schlechter, das bestätigten Ausbildungsbetriebe, Unis oder Polizei, klagt der Verband. Eine bundesweit beachtete Studie des Instituts für Qualitätsbildung (IQB) bescheinigte im vergangenen Jahr 23,4 Prozent der rheinland-pfälzischen Grundschüler, nicht mal den Mindeststandard bei der Rechtschreibung zu erreichen.

Oliver Pick vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) schiebt dafür nicht der umstrittenen Rechtschreibmethode die Schuld zu. „Die Probleme liegen tiefer“, sagt er und nennt Beispiele. „In Familien gehen Anteile des gemeinsamen Redens immer mehr zurück, das abendliche Vorlesen wird seltener. Und ab der dritten Klasse tippen die meisten Kinder schon auf WhatsApp in ihre Handys, wo sie nicht auf Groß- und Kleinschreibung achten“, sagt Pick, der auch Leiter einer Grundschule in Idesheim (Eifelkreis Bitburg-Prüm) ist.

Der Lehrergewerkschafter warnt vor einer Panikmache beim Schreiben nach Gehör. Auch in Idesheim, berichtet Pick, hängen Anlauttabellen, auf denen Kinder unter dem Buchstaben „E“ den Esel finden. „Die meisten Schulen arbeiten mit einem Mix aus Methoden. Und für Kinder, die Unterstützung brauchen, ist das ein toller Weg, sich Wörter selber zu erschließen“, sagt der Eifeler. Für eine Mär hält Pick den oft vorgebrachten Vorwurf, wonach Lehrer falsch geschriebene Worte nicht korrigierten. „Den Kindern wird schnell Feedback gegeben“, kontert er. Verbänden wie dem Philologenverband wirft er vor, zu wenig Einblicke in die Arbeit von Grundschulen zu haben, um die Methode beurteilen zu können. „Der KFZ-Meister geht doch auch nicht zu seinem Autogesellen, um sich erklären zu lassen, wie der Wagen repariert wird“, witzelt er.

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) will den Lehrern vertrauen, welche Methode sie für jedes einzelne Kind wählen. Die Opposition setzt sich für ein Verbot des Schreibens nach Gehör ein. Alleine auf Lob darf sie dabei nicht vertrauen. Ein Nutzer kommentiert die Methoden-Kritik auf der Facebook-Seite der CDU harsch: „Was für ein verkürzender und auch an der gelebten Realität an rheinland-pfälzischen Schulen vorbeiführender Stuss.“