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Von einer Krise in die nächste

Sie sollen die finanziell angeschlagene Caritas Trägergesellschaft wieder flott machen: Thomas Thiel (links) und Günter Merschbächer, zwei der drei neuen ctt-Vorstände.Foto: Hans Krämer
Sie sollen die finanziell angeschlagene Caritas Trägergesellschaft wieder flott machen: Thomas Thiel (links) und Günter Merschbächer, zwei der drei neuen ctt-Vorstände.Foto: Hans Krämer
TRIER. Dass sie ihren Beitrag zur Rettung des Unternehmens leisten sollen, ist für die 5500 Beschäftigten der Trierer Caritas Trägergesellschaft (ctt) nichts Ungewöhnliches. Den ersten "Solidarpakt" erfand 1997 der wegen seiner kriminellen Machenschaften längst verurteilte Ex-ctt-Boss Hans-Joachim Doerfert. Von unserem Redakteur <br>ROLF SEYDEWITZ

"Ich werfe diesen Mitarbeitern im kirchlichen Dienst Lebensferne und Unkenntnis über wirtschaftliche Zusammenhänge vor." Wortgewaltig und autoritär wie immer wischte Hans-Joachim Doerfert im Oktober 1997 Kritik an dem von ihm entwickelten "Sparkonzept" vom Tisch.Weniger Geld, mehr freie Tage

Wenige Monate zuvor hatte der ctt-Boss die damals noch über 8000 Mitarbeiter per Rundbrief informiert, dass angesichts der schlechten Zeiten im Gesundheitswesen nur mit einem "Solidarpakt" Entlassungen zu vermeiden seien. Deshalb, so die simple Idee des Managers von Alt-Bischof Spitals Gnaden, sollten die Mitarbeiter für zwei Jahre auf ihr Urlaubsgeld, die Hälfte des Weihnachtsgeldes und die für 1997 schon beschlossene Tariferhöhung um 1,3 Prozent verzichten. Im Gegenzug erhielten die Beschäftigten mehr freie Tage, und die ctt-Führung sagte außerdem zu, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Zehn Millionen Euro soll die Trägergesellschaft durch Doerferts "Solidarpakt I" gespart haben. Von diesem Geld floss angeblich allerdings ein Großteil über die Tochtergesellschaft ÄAT an die Klinik Rose AG und von dort in das millionenschwere Kino-Bauprojekt CinemaxX. Der "Solidarpakt I" war kaum ausgelaufen, Doerferts ctt-Kartenhaus bereits kurz vor dem Zusammenbruch, da zauberte der Chef 1999 bereits das Nachfolgemodell "Solidarpakt II" aus dem Hut. Dabei erklärten sich schließlich 23 der seinerzeit 42 ctt-Einrichtungen bereit, die Gehälter bis zum Jahr 2004 auf dem Niveau von 1998 festzuschreiben und das Urlaubsgeld um 250 Euro je Beschäftigten zu kürzen. Weil Doerferts kriminelle Machenschaften allerdings kurze Zeit später aufflogen, war auch der Solidarpakt II schnell wieder vom Tisch.Auf die Solidarität der ctt-Mitarbeiter bauten im vergangenen Jahr auch Doerferts Nachfolger, Peter Schuh und Dirk Wummel. Wegen "akuter Zahlungsschwierigkeiten" der ctt wurde die Auszahlung des Weihnachtsgeldes gesplittet: Zwei Drittel wurden mit dem November-Gehalt überwiesen, der Rest einige Monate später. Das Prozedere hatte für einigen Knatsch unter den Mitarbeitervertretungen (MAV) gesorgt, weil die beiden MAV der ctt-Kliniken Wittlich und Bernkastel-Kues das Weihnachtsgeld-Splitting zunächst nicht akzeptieren wollten.Auch der erst seit 1. September in Amt und Würden stehenden neuen dreiköpfigen ctt-Führung bleibt - nach einem ersten Kassensturz - offenbar nichts anderes übrig, als ebenfalls an die Solidarität der 5500 Mitarbeiter zu appellieren, im Klartext: sie zur Kasse zu bitten. Rechtlicher Hintergrund der am Dienstag zwischen ctt-Vorstand und Gesamtmitarbeitervertretung unterzeichneten Dienstvereinbarung ist eine erst kürzlich vom Deutschen Caritasverband verabschiedete Öffnungsklausel in der Vergütungsregelung. Nach ihr können in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Einrichtungen "zum Erhalt von Arbeitsplätzen" etwa Urlaubs- oder Weihnachtsgeld kürzen sowie Arbeitszeit und entsprechend Gehalt herabsetzen. Die Trierer ctt ist nach Angaben von Vorstandschef Thomas Thiel die bundesweit erste Einrichtung, die von dieser Not-Öffnungsklausel Gebrauch macht. Sie sieht vor, dass die ctt-Mitarbeiter in diesem und im nächsten Jahr auf eine Lohnerhöhung verzichten und das Urlaubsgeld gekürzt wird. Im Gegenzug soll es bis Ende 2005 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Und, ein zumindest schwacher Trost kurz vor dem Jahresende: Das Weihnachtsgeld wird zu 100 Prozent überwiesen.