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Wenn das Handy heimlich seinen Besitzer verrät

Trier. Wer ein Handy besitzt, kann geortet werden. Das macht sich auch die Polizei zunutze, wenn sie einen Verdächtigen beschatten oder festnehmen will. Dann versenden die Fahnder eine Kurzmitteilung, die der Empfänger nicht sieht. Rolf Seydewitz

Trier. Anfang Juni 2010: Im Eifelort Höchstberg wird eine 20-Jährige ermordet aufgefunden. Dringend verdächtig ist ihr ehemaliger Freund, von dem sich die junge Frau zuvor getrennt hatte. Der mit dem Auto geflüchtete Lagerarbeiter wird Stunden später im 80 Kilometer entfernten Montabaur gefasst.
Wie es seinerzeit hieß, hatte das von den Fahndern geortete Handy die Ermittler auf die Spur des 26-Jährigen gebracht. Auch wenn es dafür keine offizielle Bestätigung gibt: Mobiltelefone können lokalisiert werden, weshalb Mitglieder des Chaos Computer Clubs sie auch gerne als "Ortungswanzen" bezeichnen.
Um die "Wanze" zu aktivieren, muss sie eingeschaltet sein und zunächst dazu gebracht werden, mit einer Funkzelle Kontakt aufzunehmen. Eine Möglichkeit: Die Ermittler senden an die Handy-rufnummer eine stille SMS, also einen Ortungsimpuls, der von dem Telefonbesitzer nicht bemerkt wird.
Je nach Landschaft, Technik und Bevölkerungsdichte beträgt der Radius einer Funkzelle zwischen 100 Metern und einigen Kilometern. Je geringer der Funkzellenabstand, desto genauer können das Handy - und mithin auch der Besitzer - lokalisiert werden.
Ein Umstand, den sich etwa die Polizei zunutze macht, wenn sie Verdächtige orten und festnehmen will. Je mehr unsichtbare Kurzmitteilungen versandt werden, desto genauer lässt sich auch nachvollziehen, wie und in welche Richtung sich der Handybesitzer bewegt. Besonders unmittelbar vor einer Festnahme würden von den Ermittlern häufig viele SMS verschickt, "um die Zielperson möglichst genau lokalisieren zu können", sagt ein Sprecher des Mainzer Innenministeriums unserer Zeitung.
Dass die Ermittler in einem Fall 100 oder mehr Ortungsimpulse schicken, ist keineswegs die Ausnahme, sagt ein Trierer Fahnder. Damit relativiert sich zugleich auch die Zahl der vom Mainzer Innenministerium eingeräumten 126 000 stillen SMS, die zwischen März 2011 und Anfang Januar 2012 von der rheinland-pfälzischen Polizei verschickt wurden. Wie viele Ermittlungsverfahren und Handys sich dahinter verbergen, verrät das Ministerium nicht.
In Nordrhein-Westfalen waren die Behörden auskunftsfreudiger: Die 250 000 von der Polizei innerhalb eines Jahres versandten stillen SMS gingen demnach an 2650 Mobiltelefone. Hieße auf Rheinland-Pfalz übertragen: Innerhalb von zehn Monaten wurden etwa 1250 Handybesitzer von der Polizei geortet. Keine kleine Zahl. Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass Ministeriumssprecher David Freichel die stillen SMS als "zwingend erforderliches Einsatzmittel" bezeichnet. Das bestätigt auch ein Trie rer Ermittler, der nicht genannt werden will. Vor allem bei der Verfolgung schwerer Straftaten werde auf die nicht sichtbaren Kurzmitteilungen zurückgegriffen, sagt er und verweist darauf, dass die Handyortung von einem Gericht abgesegnet werden müsse.
Bevor es die stillen SMS gab, halfen sich die Fahnder übrigens mit einem Kunstgriff: "Da haben wir den Verdächtigen auf dem Handy anonym angerufen und gleich wieder aufgelegt, wenn er abgehoben hat." Das Ergebnis war das gleiche wie jetzt: Über die dann identifizierte Funkzelle wussten die Polizisten, wo sich der Gesuchte in etwa befand.Extra

Datenschützer haben kein Problem damit, dass ein Handy abgehört oder lokalisiert wird, wenn ein Richter dies zuvor abgesegnet hat. Anders sieht es bei der Funkzellenabfrage aus. Dabei wird geschaut, welche Handys zum Zeitpunkt X in eine Funkzelle eingeloggt sind. Weil diese Abfragen durch die Sicherheitsbehörden immer mehr zunehmen, fordern Datenschützer eine klare Regelung.