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"Wenn's schwierig ist, hilft nur harte Arbeit"

Ausdauernd und gelassen: FDP-Fraktionschef Gerhardt.Foto: TV -Archiv
Ausdauernd und gelassen: FDP-Fraktionschef Gerhardt.Foto: TV -Archiv
TRIER. Bei den Personal-Spekulationen über einen möglichen Nachfolger für Bundespräsident Rau taucht auch der Name Wolfgang Gerhardt immer wieder auf. Der FDP-Bundesfraktionsvorsitzende genießt hohes Ansehen über alle Parteigrenzen hinaus. Im TV -Interview erzählt der 60-jährige Hesse, warum er nachts am liebsten bei geschlossenem Fenster schläft.

Herr Gerhardt, sitzt vor uns der womöglich Nachfolger von Bundespräsident Rau? Gerhardt: Vor Ihnen sitzt der Fraktionschef der FDP im Deutschen Bundestag, der diese Aufgabe mit großer Freude macht und nicht dauernd nachts das Fenster aufhält, um für andere Aufgaben gerufen zu werden. Die FDP-Landesfraktionsvorsitzenden sollen sich aber vor zwei Wochen für einen eigenen liberalen Kandidaten stark gemacht haben…? Gerhardt: Wir haben uns immer vorbehalten, einen eigenen Kandidaten zu nominieren - rechtzeitig, aber nicht voreilig. An Spekulationen beteiligen wir uns nicht. Böse Stimmen behaupten, Sie seien kürzlich nur deshalb wieder in die Evangelische Kirche eingetreten sein, um ihre Erfolgsaussichten bei der Wahl zu verbessern… Gerhardt: Ich bin nicht kürzlich eingetreten, sondern im letzten Jahr. Das hätte ich auch schon früher tun können; ich habe diese Entscheidung zwei Jahre lang immer wieder vor mir hergeschoben. Was war der Grund für ihren Wiedereintritt nach 20-jähriger "Abstinenz"? Gerhardt: Man kann nicht seine eigene kulturelle Geschichte von Familie und Erziehung einfach so abstreifen. Ich habe mich einmal geärgert über politische Äußerungen aus der Amtskirche, das war der Grund meines Austritts. Von christlichen Wertvorstellungen habe ich mich nie entfernt. Die evangelische Landesbischöfin Käßmann ist dafür, Beamtinnen im Dienst das Kopftuchtragen zu verbieten. Bundespräsident Rau, ebenfalls evangelisch, ist gegen ein Verbot? Was ist Ihre Meinung? Gerhardt: Ich schließe mich der Meinung der iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi an, die gesagt hat: Frauen sollten ihren Kopf nicht verhüllen, sondern gebrauchen. Der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit hat am Samstag Florian Gerster das Vertrauen entzogen, Wirtschaftsminister Clement kurz darauf Gersters Entlassung angekündigt. Eine richtige Entscheidung? Gerhardt: Unabhängig von Schuldvorwürfen bin ich der Meinung, dass der Prozess mit Florian Gerster am Ende angekommen war. Es ist zu viel an Missverständnissen, Beraterverträgen und nicht ausreichenden öffentlichen Erklärungen zusammen gekommen. Eine neue Führung tut der Bundesagentur gut. Ein wenig Sympathie für den jetzt arbeitslosen Vorstandschef Gerster haben Sie offenbar schon? Gerhardt: Er hatte eine modernere Einstellung zu vielen Fragen, als manche Sozialdemokraten sich dies gewünscht hätten. Florian Gerster sind mit Sicherheit auch Knüppel aus der Bundesagentur zwischen die Beine geworfen worden von Leuten, die beharrlich gegen den Umstrukturierungsprozess sind. Trotzdem: Gerster hat sich auch durch eigenes Zutun in eine unglückliche Lage manövriert, personelle Konsequenzen waren unumgänglich. Die FDP ist im vergangenen Jahr durch die Affäre um Jürgen Möllemann und seinen Tod in heftige Turbulenzen geraten. Welche Lehren hat die Partei daraus gezogen? Gerhardt: Solide zu arbeiten und klare programmatische Vorlagen zu machen. Man kommt nur über harte Arbeit wieder aus schwierigen Lagen heraus. Hat die FDP Fehler gemacht im Umgang mit Möllemann? Gerhardt: Wir hatten keine andere Chance, als den Sachverhalt aufzuklären. Die FDP hat mit Marita Sehn auf tragische Weise eine ihrer engagiertesten Frauen verloren. Wie ist diese Lücke zu schließen? Gerhardt: Marita Sehn hatte eine besondere menschliche Nähe zu ihrem Wahlkreis. Sie war eine bescheidene Frau, herzlich, immer fröhlich. So eine Lebensausstrahlung ist nicht zu ersetzen. Die Fraktion wird Marita Sehn nicht vergessen. Sie sind vor kurzem 60 Jahre alt geworden, wie sieht Ihre politische Karriereplanung aus? Gerhardt: Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Der Fraktionsvorsitz ist für mich eine sehr gute Gelegenheit, unabhängig an Debatten teilzunehmen und Themen anzuregen. Wie entspannt sich der Privatmann Wolfgang Gerhardt von den politischen Strapazen? Gerhardt: Tennis ist mein Lieblingssport. Ich fahre auch gerne Fahrrad oder Ski. Meine Lieblingslektüre sind historische Biografien - zu Hause mit Fuß hoch legen und einem Riesling oder Rotwein. Mit Wolfgang Gerhardt sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.