Rückenschmerzen und was Sie dagegen tun können

Serie: Hauptsache gesund : Schmerzt der Rücken, ist Bewegung das A und O

Das Kreuz mit dem Kreuz: Was der Trierer Orthopäde Peter Krapf Betroffenen rät und mit welchen Mythen er aufräumt.

Apps, die Schritte zählen, liegen längst im Trend. Doch wo der technische Fortschritt vorauseilt, hinkt die Handy-Generation bei der Bewegung mit den Füßen gar den Steinzeitmenschen weit hinterher. „Wo Menschen dort pro Tag mehr als 20 Kilometer gelaufen sind, ist es heute im Schnitt weniger als ein Kilometer“, sagt der Orthopäde Peter Krapf. Und wer im Büro arbeitet, hängt oft krumm und schief vor dem Computer.

Für Krapf sind das Gründe, warum immer mehr Menschen mit Rückenschmerzen in die Praxen strömen. Er gibt Tipps, wie Betroffene gegen die Pein kämpfen können.

Warum sind Rückenschmerzen eine Volkskrankheit?

Die Zahl von Menschen mit Rückenbeschwerden ist förmlich explodiert. Gaben bei einer DAK-Studie im Jahr 2003 noch 55 Prozent der bundesweit befragten Versicherten an, innerhalb der letzten zwölf Monate Rückenschmerzen gehabt zu haben, waren es 2017 schon 75 Prozent. „Unser heutiger moderner Lebensstil ist durch Bewegungsmangel gekennzeichnet, Bürojobs nehmen stetig zu, wir verbringen mehr Zeit sitzend, als uns guttut“, moniert Krapf. Aber auch Übergewicht und Stress förderten das Leiden. „Rückenschmerzen gehören in Deutschland zu den häufigsten Schmerzen überhaupt. Nur weniger als 20 Prozent der Menschen bleiben hierzulande zeitlebens von Rückenschmerzen verschont, 50 Prozent leiden hin und wieder daran, 30 Prozent haben chronische Schmerzen“, sagt der Trierer Orthopäde.

Wann sind Rückenschmerzen chronisch?

Von chronischen Rückenschmerzen sprechen Mediziner dann, wenn sie länger als zwölf Wochen anhalten, erläutert Krapf. „Akute Kreuzschmerzen verbessern sich meist nach vier bis sechs Wochen.“ Patienten seien dann in der Lage, wieder ihrer täglichen Beschäftigung nachzugehen.

Wann muss ich mit Rückenschmerzen dringend zum Arzt?

„Plötzliche Kreuzschmerzen, die lokal auftreten, bessern sich meist nach kurzer Zeit von alleine“, sagt der Mediziner, der als Mannschaftsarzt Rollstuhlbasketball-Bundesligist Dolphins Trier und Fußball-Oberligist Eintracht Trier betreut. Strahlen Schmerzen dagegen in Hände, Finger oder Füße und Zehen, ist Vorsicht angesagt. Ursache könne dann schon ein Bandscheibenvorfall sein, warnt Krapf. „Alarmzeichen sind, wenn zu den Schmerzen Lähmungserscheinungen, Taubheitsgefühle oder Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder Stuhlgang hinzukommen“, sagt der Orthopäde.

Wie beuge ich Rückenschmerzen vor?

Wärme und Bewegung können Schmerz lindern. Krapf empfiehlt Rückenschwimmen und Radfahren – allerdings nicht mit dem Rennrad oder dem Mountainbike. „Man sollte dabei auch nicht mehr als 30 Grad nach vorne geneigt sein“, meint der Mediziner. Auch mehrere Spaziergänge von fünf bis 15 Minuten am Tag können bei unkomplizierten Rückenschmerzen helfen, heißt es vom Verein „Aktion gesunder Rücken“. Dieser regt auch an, Besorgungen öfter zu Fuß als mit dem Auto zu erledigen, Treppen statt Aufzug zu nutzen und bei Wartezeiten wie an der Supermarktkasse mal die Wirbelsäule zu strecken oder die Muskulatur zu dehnen. .Ist die Wirbelsäule bereits lädiert, helfe Krafttraining mit modernen Geräten und unter der Aufsicht ausgebildeter Trainer dabei, Muskeln aufzubauen und den Körper zu stabilisieren. „Betroffene sollten die Belastung dabei bei jedem Training steigern“, rät Krapf. Auch gesunder Schlaf beuge Rückenproblemen vor. Der Orthopäde rät zu einem Bettsystem, bei dem Unterfederung und Matratze aufeinander abgestimmt sind. Ein circa 30 Zentimeter langes, verstellbares Kopfteil trage dazu bei, Verspannungen und Nackenschmerzen zu lindern.

Soll ich Schmerzmittel gegen das Rückenleiden einnehmen?

Der Trierer Orthopäde Krapf rät dazu, Schmerzmittel wie Ibuprofen „in der niedrigsten Dosierung und so kurzzeitig wie möglich anzuwenden“. Betroffenen empfiehlt er, sich mit den Nebenwirkungen der Mittel vertraut zu machen.

Was soll ich bei Rückenschmerzen vermeiden?

Mit einem Mythos räumt Krapf auf. Vor Jahrzehnten rieten Mediziner bei Rückenschmerzen noch zur strikten Bettruhe. Das Wissen ist längst überholt. „Bewegung ist das A und O für Muskulatur und Knochen“, sagt Krapf. Körperlich schwere Arbeit sollten Betroffene dennoch möglichst meiden – ebenso monotones Sitzen vor dem Computer.

Wie können Büroarbeiter sich vor Rückenschmerzen schützen?

Ideal sei es, die Arbeit mit 50 Prozent Sitzen, 25 Prozent Stehen und 25 Prozent Gehen zu verbringen, sagt Krapf. Der Orthopäde schlägt höhenverstellbare Arbeitstische vor und Bürostühle, die dynamisches Sitzen ermöglichten. Der Verein „Aktion gesunder Rücken“ animiert dazu, mehr Bewegung in den Arbeitstag einfließen zu lassen: Kurzbesprechungen ließen sich am Stehpult erledigen. Statt dem Kollegen am Ende des Flurs eine E-Mail zu schicken, könne man auch einfach zu ihm gehen. Jörn Simon, Landeschef der Techniker Krankenkasse, reicht das nicht aus. Beschäftigte, die unter hohem Stress leiden, hätten überdurchschnittlich oft Rückenschmerzen und Verspannungen, warnt er und sieht Arbeitgeber in der Pflicht: „Um den Beschäftigten den Rücken zu stärken, braucht es nicht nur rückengerechte Stühle und höhenverstellbare Schreibtische, sondern eine nachhaltige Stressprävention“, fordert Simon. Dabei müsse es auch um Themen wie Informationsflut, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die ständige Erreichbarkeit gehen.

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