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Rücksichtslos hinterm Steuer

Straßenverkehr : Rücksichtslos hinterm Steuer

Hat das rücksichtslose Verhalten im Straßenverkehr zugenommen? Eine Statistik darüber gibt es nicht. Doch viele Autofahrer sprechen von einem Sittenverfall auf den Straßen.

Rücksichtsloses Verhalten und aggressive Fahrweise nehmen auf den Straßen zu. Davon jedenfalls ist die Mehrheit der Auto- und Motorradfahrer überzeugt. 87,8 Prozent beklagten sich bei einer Umfrage der Prüfgesellschaft Dekra. Viele sprechen von einem Verfall der Sitten, der bereits zu gefährlichen Situationen auf den Straßen geführt habe. Jeder Zweite hat bei der Umfrage angegeben, oft mit dem rücksichtslosen Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer konfrontiert worden zu sein. Genannt wurden Drängeln, zu dichtes Auffahren, Rechtsüberholen oder „Schneiden“.

Der Trierer Verkehrspsychologe Richard Tank warnt allerdings vor einer Dramatisierung. Man könne nicht allgemein von einer Verrohung der Gesellschaft reden. Zwar werde oft bei Verkehrsdelikten Aggressivität unterstellt, dabei werde aber nicht berücksichtigt, dass ein solches Verhalten durch Stress verursacht oder Folge einer Fehleinschätzung sein könne, sagt Tank. Beim Straftatbestand des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr werde nicht unterschieden zwischen Unachtsamkeit und Vorsatz, so der Psychologe.

Obwohl sich in den vergangenen Tagen die Meldungen häufen, in denen die Polizei in der Region von gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr oder riskanten Überholmanövern berichtet, gibt es keine Statistik darüber, ob die Rücksichtslosigkeit im Verkehr zugenommen hat oder nicht. Dieses Kriterium werde nicht als Unfallursache erfasst, teilt ein Polizeisprecher auf Anfrage mit. Allerdings sei bei 77 Unfällen in diesem Jahr „fehlerhaftes“ Überholen Unfallursache gewesen. Unklar ist aber, ob der Grund dafür Unachtsamkeit oder eben Absicht gewesen war. Rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr ist nicht neu. Bereits 1959 begann der ADAC eine Kampagne für mehr Respekt auf den Straßen. Vorbildliche Autofahrer wurden als „Kavalier der Straße“ ausgezeichnet.

„Die Toleranz von Straßenverkehrsteilnehmern nimmt ab“, sagt Jörg Elsner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltsvereins. Bei Unfällen spiele die fehlende Disziplin der Verkehrsteilnehmer eine erhebliche Rolle. Beim Abbiegen werde häufig nicht geblinkt. Viele Drängler sind sich laut ADAC nicht bewusst, welcher Gefahr sie sich und andere aussetzten. Zeitdruck und die Annahme, mehr „fahrerische Freiheit“ beanspruchen zu dürfen als andere, legitimerten aus Sicht des Dränglers auch ein aggressives Verhalten.

Oder Autofahrer denken, sie müssten andere disziplinieren, indem sie die Überholspur blockieren oder absichtlich im Schleichtempo vor ihnen fahren. „Wer durch Schleichen andere Verkehrsteilnehmer behindert, macht sich strafbar und muss mit einem hohen Bußgeld rechnen“, sagt Andrea Häußler vom Tüv Süd. Bewusstes Ausbremsen oder sogenanntes Erziehen anderer Autofahrer durch langsames Fahren sei ebenfalls strafbar. Viele Verkehrsteilnehmer wüssten nicht mehr, wie man sich auf den Straßen benehme, heißt es beim Fahrlehrerverband. Dort gibt man der zunehmenden Verkehrsdichte auf den Straßen eine Mitschuld an dem Fehlverhalten von Auto- und Motorradfahrern.

Laut ADAC gibt es pro Jahr über 700 000 Staus. Im Schnitt staut es sich täglich auf 4000 Kilometern. Staus sorgen, wenn man drinsteht, bei vielen für Frust und nicht selten auch zu Aggression. Hinzu kommen immer überfülltere Innenstädte, in denen es zeitweise nur noch im Schritttempo vorwärts geht und die Parkplatzsuche schon mal zum zeitaufwendigen und nervenden Unterfangen werden kann. Der Fahrzeugbestand nimmt immer weiter zu. 2018 waren 63,7 Millionen Autos in Deutschland registriert, eine Million mehr als im Jahr zuvor.