Schüler werden in Genossenschaften wirtschaftlich aktiv

Schülergenossenschaften : Start-up mit Limo und Brezeln

Ob mit Schulkleidung, Palettenmöbeln oder Pausen-Snacks – an Schulen  werden Schüler in Genossenschaften wirtschaftlich aktiv.

(dpa) Eine Brezel als Snack oder eine Limo als Durstlöscher – weil es am Gymnasium Nackenheim bei Mainz keine Pausenverpflegung mehr gab, sind die Gymnasiasten selbst aktiv geworden. „Wir wollen einen Schulkiosk, von Schülern für Schüler“, sagt Lorena Ehlenberger. Vor kurzem gründete die 15-Jährige dazu mit Mitschülern die Schülergenossenschaft „FAIRsNACKt“. Not machte die jungen Gründer erfinderisch: „Im Januar dieses Jahres wurde unser Schulkiosk geschlossen“, berichtet Mitschülerin Annika Tietgen. Der Hausmeister, der den Kiosk betrieben hatte, ging in den Ruhestand. Der Laden stand vor dem Aus – und damit auch die Pausen-Snacks. „Ab dem Sommer wollen wir nun übernehmen“, erklärt Lorena den Geschäftsplan.

Künftig wollen die jungen Genossenschafter an jedem Schultag in den beiden großen Pausen selbst hinter dem Kiosktresen stehen. „Alle unsere Produkte sind fair und nachhaltig produziert“, sagt Annika Tietgen. Darauf habe die Genossenschaft bei der Sortimentsauswahl Wert gelegt. Ein örtlicher Bäcker liefert Brezeln, die Limo kommt in Glasflaschen.

Die Geschäftsidee, einen Schulkiosk zu betreiben, habe sie sofort überzeugt, sagt Schulleiterin Antje Schwebler. Sie regt an, das Projekt künftig in eine Arbeitsgemeinschaft zu integrieren, so dass die jungen Gründer weiter an ihrem Geschäftsmodell feilen können.

Unterstützung bekommen die Neu-Genossenschafter vom Schulförderverein, vom Genossenschaftsverband und von der Mainzer Volksbank. Während der Förderverein als Träger das Konto zur Verfügung stellt, steht die Bank als Partnergenossenschaft mit Tipps zur Seite. Verbandsvertreter prüfen – wie bei einer echten Genossenschaft – jedes Jahr die Bücher. Bank und Verband wollen mit ihrem Engagement ökonomische und ökologische Bildung voranbringen. Zu viele junge Menschen verließen die Schule als „ökonomische Analphabeten“, beklagt Bernhard Brauner vom Genossenschaftsverband. Darauf würden Studien hindeuten. „Und das merken auch wir als Ausbildungsbetrieb“, ergänzt der Vorstand der Mainzer Volksbank, Uwe Abel. Für viele Firmen werde es zunehmend schwerer, qualifizierte Azubis zu finden.

Mit den Schülergenossenschaften könnten erste Berufskontakte geknüpft und Werte vermittelt werden: „Wir versuchen, mit dem Konzept weg zu kommen von dem kapitalistischen Denken, der Ellbogengesellschaft, hin zu einer Gemeinwohl-Ökonomie“, sagt Brauner. Es gehe daher bei den Schulprojekten nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, das Wissen über genossenschaftliches und solidarisches Handeln zu vertiefen.

In Rheinland-Pfalz gibt es immer mehr Genossenschaften in Schülerhand. „FAIRsNACKt“ ist Nummer 15 (siehe Extra). Allein in Mainz sollen bis Jahresende noch zwei weitere Projekte folgen. Anders als Schülerfirmen, die etwa nur für ein Schuljahr oder für einen Wettbewerb aufgebaut werden, sind die Schülergenossenschaften auf Nachhaltigkeit ausgerichtet – zum Beispiel beim Wissenstransfer. „So können beim jahrgangsübergreifenden Arbeiten die Kleinen von den Erfahrungen der Großen profitieren“, erklärt der Referent für Ökonomische Bildung am ­Pädagogischen Landesinstitut, Michael Gombert.

Außerdem fördere das Engagement in einem Schüler-Start-up die Eigenständigkeit der Jugendlichen über den normalen Unterricht hinaus. „Sie erleben dabei ganz praktisch, was sie im Team gemeinsam bewegen können“, sagt Gombert. „Zusammen entscheidet man demokratisch über wichtige Angelegenheiten wie zum Beispiel neue Anschaffungen“, erklärt Schülerin Lorena Ehlenberger das Prinzip der Genossenschaft. Die ­„FAIRsNACKt“-Genossen wollen nun zügig Hand anlegen: Waren müssen eingekauft und die Räumlichkeiten hergerichtet werden. Doch vor der Eröffnung steht noch eine Hürde. „Wie bei einer echten Genossenschaft auch führen wir nun erstmal eine Gründungsprüfung durch“, sagt Brauner. Dabei begutachtet der Genossenschaftsverband Satzung, Protokolle und Geschäftsplan. Bei einer positiven Beurteilung folgt dann die Aufnahme ins Register für Schülergenossenschaften – und es kann wieder nach frischen Pausen-Brezeln am Gymnasium Nackenheim duften.

(dpa)
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