20 Meter Abstand halten

Berlin. Thema Jugendgewalt: Union versucht es mit neuer Sachlichkeit: In der Debatte über Jugendkriminalität holt sich die Union Rückendeckung bei Experten - und versucht zugleich, die Diskussion zu versachlichen. Bei einer Anhörung in Berlin war aber keine Rede davon, dass die Union selbst zuvor zur Emotionalisierung des Themas wesentlich beigetragen hat.

Berlin. Was kann man tun, wenn man miterlebt, wie jugendliche Schläger einen anderen verprügeln? "20 Meter Abstand halten", riet gestern der Hamburger Professor Jens Weidner. Dann solle man den Gewalttätern zubrüllen: "Aufhören, und übrigens rufe ich gerade 110 an!" Die Polizei zu verständigen, sei für jedermann "der Mindestjob, selber einzugreifen ist keine gute Idee". Wenn sich die Schläger "dann Ihnen zuwenden, ist der Zeitpunkt gekommen, um wegzulaufen".

Selbst die "Super-Nanny" meldet sich zu Wort

Weidner muss es wissen, er befasst sich pro Jahr mit rund 1000 gewalttätig gewordenen, jungen Männern, mit ihren Motiven und Verhaltensweisen. Gestern gehörte er zu den Experten, die die Union in den Reichstag zu einer schon vor einigen Monaten geplanten Anhörung zur Jugendgewalt eingeladen hatte. Das Thema ist halt nicht neu. Aber erst die brutalen Bilder aus der Münchner U-Bahn haben Politik und Öffentlichkeit aufschrecken lassen. Selbst die "Super-Nanny" von RTL meldete sich zu Wort, wie mit gewalttätigen Jugendlichen umzugehen sei, merkte Fraktionsvize Wolfgang Bosbach spöttisch an. Ein Anstoß mehr für die Union, nun "sehr sachlich und nüchtern" über Jugendgewalt zu diskutieren, versprach der innenpolitische Sprecher von CDU und CSU, Hans-Peter Uhl.

Kein Abrücken von Roland Koch

Dass man selber dazu beigetragen hat, dass das Thema in den letzten Wochen emotional und heftig debattiert wurde, davon wollte man allerdings nichts wissen: "Ob Wahlkampf ist oder nicht, Roland Koch hat die richtigen Forderungen gestellt", unterstrich Faktionsvorsitzender Volker Kauder. Es müsse außerdem Schluss sein mit dem "Reflex, darüber darf man nicht reden". Zumal dann, wenn die Fakten eindeutig seien: Es sei zum Beispiel eine Tatsache, dass in Berlin der Anteil junger Männer mit Migrationshintergrund bei Gewalttaten wie Mord, Raub, Vergewaltigung und schwerer Körperverletzungen über 50 Prozent liege.

Die Experten stützten weitestgehend die Haltung der Union, schärfer gegen jugendliche Schläger vorzugehen. Die Täter würden zumeist aus der Unterschicht kommen, "sie sind durchweg männlich, Mädchengangs sind kein Massenphänomen", so Experte Weidner. Intensivtäter hätten fast alle auch eine gewalttätige Erziehung erlebt, sie suchten entsprechende Freunde und konsumierten gewalttätige Medien. Diese Phase erstrecke sich vom 14. bis zum 24. Lebensjahr, "danach wächst sich das aus". Unabhängig von ihrer Herkunft zeigten fast alle Täter ein ähnliches Persönlichkeitsprofil: Es mangele ihnen an jeglichem Mitgefühl, Gewalt mache ihnen Spaß, Freundlichkeit betrachteten sie als Schwäche. Für die Behandlung sei daher "die Einmassierung des Opferleids in die Seele" ein zentrales Ziel. Andere Experten forderten, die "Werkzeuge" im Kampf gegen die Jugendgewalt zu überprüfen: Frühwarn-, Betreuungs- und Bestrafungssysteme seien in Deutschland viel zu bürokratisch und unübersichtlich.

Plädoyer für härtere Konsequenzen

Zugleich müsse es härtere Konsequenzen geben, verlangte Weidner. Er plädierte für den Warnschussarrest. Die Forderung der Union, den Strafrahmen für Jugendliche von maximal zehn auf 15 Jahre zu erhöhen, bezeichnete der Experte dagegen als "marginales Thema". Die Höchststrafe komme ohnehin nur für Mordtaten in Betracht, die aber bei Jugendlichen kaum vorkämen.

Mehr von Volksfreund