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30 Jahre nach umstrittenem Besuch von US-Präsident Reagan auf dem Bitburger Soldatenfriedhof Kolmeshöhe - Erinnerung verblasst

30 Jahre nach umstrittenem Besuch von US-Präsident Reagan auf dem Bitburger Soldatenfriedhof Kolmeshöhe - Erinnerung verblasst

Die Erinnerung an den 5. Mai 1985 lagert im Bitburger Rathaus in elf schmucklosen Pappkisten. Dabei sorgte der Besuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Kolmeshöhe weltweit für Schlagzeilen. Weil dort auch Angehörige der Waffen-SS liegen.

Man muss sich schon auskennen, wenn man in Bitburg den Ort finden will, auf den vor 30 Jahren die Weltöffentlichkeit geschaut hat. Er liegt am Ende einer ruhigen Wohnstraße. Nur die schmiedeeiserne Schrift auf der Steinmauer zeigt, dass man hier richtig ist: Ehrenfriedhof. Dahinter fünf steinerne Kreuze und eine Wiese, auf der vereinzelt Grabkerzen stehen. Ein Kreuzweg führt zu dem 35 Meter hohen Turm auf der gegenüberliegenden Seite. Im Rasen sind Steinplatten eingelassen. Auf ihnen stehen Namen und Dienstgrade. Namen von Toten, die hier liegen. Über 2000. Soldaten und Opfer der beiden Weltkriege. Unter ihnen auch 49 Angehörige der Waffen-SS. Und deswegen hat der Ehrenfriedhof in den Wochen vor dem 5. Mai 1985 für Schlagzeilen gesorgt.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte sich die Gedenkstätte für eine Geste der Versöhnung ausgesucht. Die Versöhnung mit den USA. So wie er im September 1984 auf dem Schlachtfeld von Verdun dem französischen Präsidenten François Mitterand die Hand gereicht hat, so wollte Kohl es auch mit US-Präsident Ronald Reagan tun.
Kohl habe sich Wochen zuvor den Ort für den Staatsbesuch selbst ausgesucht, sei persönlich mit dem Hubschrauber über die Eifel geflogen, erinnert sich Werner Pies, damals zweiter Beigeordneter der Stadt Bitburg. Auch über den Ehrenfriedhof im 40 Kilometer von Bitburg entfernten Daleiden. Und über Kolmeshöhe. Die Wahl fiel schließlich auf Bitburg. Nicht zuletzt, weil die Amerikaner dort, nur wenige Kilometer von dem Friedhof entfernt, zur damaligen Zeit eine bedeutende Luftwaffenbasis betrieben, auf der die amerikanische Präsidentenmaschine, die Air Force One, landen konnte. Im Februar 1985 sei die Stadtverwaltung über den geplanten Besuch informiert worden, erinnert sich Pies.

Niemand habe kommen sehen, dass dieses Ereignis so hoch kochen wird, wie es dann in den folgenden Wochen geschehen ist. Dass auf Kolmeshöhe Soldaten der Waffen-SS liegen, hätte bis dahin keine Rolle gespielt. Jahr für Jahr hätten am Volkstrauertag Vertreter der US-Armee gemeinsam mit französischen Soldaten Kränze niedergelegt, sagt Pies. Doch schon bald wurde in amerikanische Medien Bitburg als "Nazi-Town" beschimpft. Immer mehr US-Journalisten kamen in die Stadt, um nach Nazi-Spuren zu suchen. "Wir waren entsetzt und zornig, wie unsere Stadt dargestellt wurde", sagt Pies. Die seit Jahren gelebte deutsch-amerikanische Freundschaft mit den "Bitburger Amis" wurde auf eine harte Probe gestellt. Es habe Momente gegeben, wo der damalige, mittlerweile verstorbene Bürgermeister Theo Hallet und er überlegt hätten, Bonn zu bitten, den Besuch abzusagen, sagt Pies.

Nicht nur für Bitburg wurde der Druck immer größer. Auch für Kohl und für Reagan. Der kürzlich verstorbene Schriftsteller Günter Grass war einer der prominenten Gegner des Besuchs. Er warf Helmut Kohl "Geschichtsklitterung" vor. Unwissenheit spreche nicht frei. Allerdings verschwieg Grass zu der Zeit, dass er selbst
der Waffen-SS angehört hat. Das wurde erst 2006 bekannt. Kohl verteidigte in seinen Memoiren den Besuch auf Kolmeshöhe. Viele der dort begrabenen Angehörigen der Waffen-SS seien "blutjunge Soldaten" gewesen, die an ihrem Todestag jünger als 25 Jahre waren.

Doch auch in den USA wuchs die Kritik an dem Bitburg-Trip des Präsidenten. Vier Tage vor dem Staatsbesuch stimmten 390 Abgeordnete des Repräsentantenhauses dafür, Reagan aufzufordern, nicht nach Bitburg zu fliegen. Nur 26 waren für den Besuch. Doch der Präsident hielt auf Bitten Kohls daran fest.

Die Diplomaten beider Länder reagierten jedoch auf die Kritik. Die Reden von Kohl und Reagan sollten nun auf dem Bitburger US-Flughafen gehalten werden, dort sollten sich beide auch in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Und vor dem Flug nach Bitburg wurde kurzerhand ein Besuch des Konzentrationslagers Bergen-Belsen ins Programm aufgenommen.

Der Programmpunkt Kolmeshöhe wurde nicht gestrichen, aber deutlich verkürzt. Und so kam es, dass am 5. Mai 1985 Ausnahmezustand herrschte in der ansonsten so beschaulichen Stadt. "Bitburg war hermetisch abgeriegelt. Nur Bewohner durften noch rein", erinnert sich der heutige Bürgermeister Joachim Kandels. Von dem Besuch in der Stadt und auf Kolmeshöhe hat er damals nicht viel mitbekommen. Als 17-Jähriger habe er mit dem Musikverein auf dem Flugplatz beim deutsch-amerikanischen Bürgerfest gespielt. Während zeitgleich das durch Bitburger Bürger geschmückte Gräberfeld vor den Toren der Stadt zu einem Rummelplatz wurde, wie Hallet später in seinem Buch "Umstrittene Versöhnung" schrieb. Kamerateams und Fotografen belagerten jeden freien Platz rund um den Ehrenfriedhof, während sich der gut gesicherte Tross mit den Staatsmännern vom Flugplatz Richtung Kolmeshöhe auf den Weg machte. Von den abgeschirmten Demonstranten, die in der Stadt gegen den Besuch protestierten, haben Kohl und Reagan kaum was mitbekommen.

So schritten die beiden Staatsmänner dann am späten Nachmittag des 5. Mai 1985 über den Friedhof, legten am Turm Kränze nieder. Zum symbolträchtigen Handschlag von Kohl und Reagan kam es aber nicht. Das Protokoll übertrug diese Geste den beiden Weltkriegs-Generälen Matthew Ridgeway und Johannes Steinhoff. Weniger als zehn Minuten dauerte der Besuch. Zehn Minuten, die Bitburg weltweit in die Schlagzeilen gebracht haben.

Und was ist heute noch davon geblieben? Wenig. Zwar bleibe der Tag immer mit der Geschichte Bitburgs verbunden, sagt Kandels. Doch die Erinnerung daran lagert im Rathaus in elf schmucklosen Pappkartons. Darin befinden sich alle Zeitungsberichte aus aller Welt über den Besuch, vergilbte Fotos, Dokumente. Eine offizielle Gedenkfeier gibt es am Jahrestag nicht. Die Kulturgemeinschaft, dessen Vorsitzender Kandels ist, wird nach ihrer heutigen regulären Mitgliederversammlung eine Dokumentation über den 5. Mai 1985 zeigen. Besucher der Stadt, die mehr wissen wollen über das Ereignis, erhalten die 1986 erschiene Broschüre "Der Besuch".

Auf Kolmeshöhe selbst erinnert auch nichts an den geschichtsträchtigen Tag. Allenfalls der ein oder andere Eintrag in das schmucklose und im Turm ausgelegte Gästebuch. Neben Einträgen wie "Ruhe in Frieden, Dein Sohn" oder "Heute an meinem 65. Geburstag wollte ich dich besuchen, Deine Nichte", findet sich auch der handschriftliche Vermerk: "Kannte es aus der Presse 1985. Wollte es einmal vor Ort sehen."Extra

 Prominente Unterschriften für das Goldene Buch der Stadt Bitburg: Ronald Reagan und Helmut Kohl – hier mit dem damaligen Bürgermeister Theo Hallet (links) und Nancy Reagan – tragen sich ein. TV-Foto: Archiv/Dagmar Schommer
Prominente Unterschriften für das Goldene Buch der Stadt Bitburg: Ronald Reagan und Helmut Kohl – hier mit dem damaligen Bürgermeister Theo Hallet (links) und Nancy Reagan – tragen sich ein. TV-Foto: Archiv/Dagmar Schommer Foto: ("e_bit" )
 Werner Pies (links) und Bitburgs Bürgermeister Joachim Kandels blättern in alten Erinnerungen.TV-Foto: K. Kimmling
Werner Pies (links) und Bitburgs Bürgermeister Joachim Kandels blättern in alten Erinnerungen.TV-Foto: K. Kimmling Foto: klaus kimmling (g_pol3 )

Morten Reitmayer, Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier Wie ist der Reagan-Besuch in Bitburg heute zu bewerten? Morten Reitmayer: Der Besuch war wenig glücklich. Für Helmut Kohl war es eher ein Misserfolg. Er wollte ja mit der Versöhnung über den Gräbern das Geschichtsbewusstsein und damit auch die deutsche Einheit wieder in den Mittelpunkt stellen. Das gelang mit Bitburg nicht. Daher muss man aus heutiger Sicht eher von einer unglückseligen Bitburg-Affäre sprechen. Das Ereignis hat also keine große Bedeutung in der deutschen Nachkriegsgeschichte? Reitmayer: Da gab es in den 1980er Jahren bedeutsamere Ereignisse. Drei Tage nach dem Bitburg-Besuch war die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum Kriegsende. Die ist sicherlich stärker ins westdeutsche Gedächtnis durchgedrungen. Die Bitburg-Affäre selbst hat keine dramatischen Folgen gezeigt. Warum hat der Besuch damals dann überhaupt solche Wellen geschlagen? Reitmayer: Er hat deutlich gemacht, dass ein Großteil der westdeutschen, geschichtsinteressierten Öffentlichkeit es nicht akzeptieren wollte, dass auf dem Friedhof Opfer und Täter unterschiedslos gewürdigt werden. Der Schlamassel resultierte daraus, dass die Politik der Bundesrepublik darauf aus war, ein möglichst gutes Verhältnis zu den Amerikanern herzustellen. Das war belastet durch den Nato-Doppelbeschluss und die Nachrüstungsdebatte. Bitburg hat dann zusätzlich für Ärger gesorgt. Sie ist aber nicht so ins Gewicht gefallen, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen ernsthaft in die Krise geraten sind. Wäre der Besuch in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich? Reitmayer: Sicherlich nicht. Ein Staatsbesuch auf einem Friedhof, auf dem Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind, würde heute nicht mehr toleriert werden. Andererseits: Vor politischen Fehltritten ist niemand geschützt. Und Politiker sind auch nur Menschen. Wenn die gewillt sind, eine bestimmte Weltsicht durchzusetzen und beratungsresistent sind, ist die Gefahr eines Schlamassels groß. wie