57 Fragen für 82 Millionen (?) Deutsche

Berlin · 70 000 Interviewer machen sich ab Herbst auf die Suche nach "den Deutschen". Mittels eines Fragebogens sollen dabei Daten über die Lebenssituation erfasst werden. Die Kosten für die Volkszählung steigen deutlich an - um 200 Millionen auf 700 Millionen Euro. Am Ende könnten die Kommunen auf der Rechnung sitzenbleiben.

Beim Wort "Volkszählung" werden Erinnerungen an das Jahr 1987 wach. Damals brach über die alte Bundesrepublik eine Welle des Protestes herein: Es gab Boykottaufrufe und Massendemonstrationen, viele Bürger wollten die Fragen falsch beantworten. Andere überlegten gar, ihre Wohnungstür zuzumauern, um dem Zähler den Zutritt zu verwehren.

Extra: Der Test-Fragebogen


Diesmal soll alles anders werden. Der "Zensus 2011", die erste Volkszählung im vereinten Deutschland, ist angelaufen. 6000 Fragebögen wurden inzwischen zu Testzwecken verschickt. Eines ist schon jetzt klar: Nach Informationen unserer Zeitung wird das ganze Vorhaben deutlich teurer als erwartet.

"Wir liegen gerade so im Plan", sagt der Vorsitzende der Zensus-Kommission, Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), über den Stand der Vorbereitungen. Das neunköpfige Experten-Gremium begleitet die Befragung wissenschaftlich. Zum Stichtag 9. Mai 2011 sollen die Bevölkerung sowie die Gebäude und Wohnungen gezählt werden. Das erwartet die Europäische Union von ihren Mitgliedsländern. Weil das in Deutschland vor allem über ein "auf Register basierendes" Verfahren abläuft, wie es beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden heißt, hoffen die Organisatoren auch auf einen problemlosen Verlauf. Denn im Unterschied zur traditionellen Erhebungsmethode früherer Volkszählungen, als ausschließlich der Zähler mit dem Fragebogen in der Hand zum Hausbesuch kam, werden für den Zensus 2011 vorwiegend die Melderegister der Kommunen und die Karteien der Bundesanstalt für Arbeit ausgewertet. Davon merken die Bürger nichts.

Angaben zu Einkünften und Religion



Aber: Bereits ab Herbst werden zusätzlich 17,5 Millionen Wohnungs- und Hauseigentümer postalisch befragt werden, weil für sie in Deutschland kein Register existiert. Und: Acht Millionen Bürgern soll außerdem ein Fragebogen vorgelegt werden, um Auskünfte zu Bildung, Ausbildung oder zur Erwerbstätigkeit von Selbstständigen zu erhalten. Diese zehnprozentige Stichprobe soll die Daten aus den amtlichen Statistiken genauer machen. Für die Befragung müssen die Kommunen bis zum 1. November Erhebungsstellen einrichten, bundesweit werden dann 70 000 Interviewer zum Hausbesuch ausschwärmen. Welche Bürger es trifft, wird nach dem Zufallsprinzip repräsentativ ermittelt. Wer die Beantwortung verweigert, muss mit einer satten Ordnungsstrafe rechnen.

Der Fragebogen ist nach jetzigem Stand zwölf Seiten lang und umfasst 57 Punkte. Derzeit wird anhand der 6000 Vor-Tests geprüft, ob die Frageführung in Ordnung und verständlich ist. Neben Daten zum Geschlecht, Alter, Geburtsort, Schulbesuch, zum Arbeitsort und zur Haushaltsgröße wird auch umfangreich nach einem möglichen Migrationshintergrund sowie zur Religionszugehörigkeit und dem Bekenntnis zu einer Glaubensrichtung gefragt - "in einer modernen Form", wie die Organisatoren versichern. Denn gerade dieser Punkt geht über den Katalog hinaus, den die EU festgelegt hatte.

Im Vorfeld war daher um die Aufnahme des Religions-Komplexes in den Fragebogen heftig gestritten worden. Kritiker hatten ihn als "verfassungsrechtlich unzulässig" bewertet. Am Ende setzten sich die südlichen Bundesländer im Zuge der Gesetzgebung für das "Zensusordnungsgesetz" durch, das 2009 erlassen wurde.

Die Kommunen müssen also nicht nur ihre Register aufwendig prüfen, sondern auch organisieren, dass die Befragungen der Bevölkerung durchgeführt werden. Deshalb wird derzeit heftig über die damit verbundenen Kosten gestritten. Waren zunächst insgesamt 500 Millionen Euro für den Zensus 2011 veranschlagt, so ist man nach Informationen unserer Zeitung inzwischen schon bei über 700 Millionen Euro angelangt. Der Bund übernimmt davon aber bislang nur gut 80 Millionen Euro, auf dem Rest bleiben die Länder sitzen, die den Großteil der Rechnung nun an die Kommunen weiterreichen wollen. Bund und Länder müssten deutlich mehr übernehmen, heißt es schon beim Städte- und Gemeindebund. Angesichts leerer Kassen sei "jeder Euro, der zusätzlich aufgebracht werden muss, schwierig."

Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung sollen übrigens erst Ende 2012 vorliegen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort