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631 Mal Freude und eine verbitterte FDP

Berlin. CDU-Politiker Heinz Riesenhuber (77) hat als ältester Abgeordneter im Parlament die erste Sitzung des neuen Bundestages eröffnet. Der Alterspräsident würdigte auch die Rolle der FDP in den vergangenen Jahrzehnten. Die Partei ist erstmals seit Gründung der Bundesrepublik nicht mehr dabei. Hagen Strauß

Berlin. Wenn ein neuer Deutscher Bundestag zusammenkommt, kann man schon mal nach Gefühlen fragen. Norbert Lammert zum Beispiel antwortet, er empfinde "ein leichtes Kribbeln. Das ist ja kein Tag wie jeder andere". Später wird er als Bundestagspräsident mit einem Rekordergebnis von 94,6 Prozent zum dritten Mal wieder gewählt. Michelle Müntefering ist richtig aufgeregt: "Endlich darf ich in den Plenarsaal", freut sich die frisch gewählte SPD-Abgeordnete. Und selbst das alte Polit-Schlachtross Gregor Gysi wird leicht emotional: Er verspüre ein "angenehmes Gefühl", verrät der Fraktionschef der Linken. Der Tag, an dem sich der 18. Deutsche Bundestag konstituiert, ist halt ein besonderer.
Endlich geht es nach den harten Wochen des Wahlkampfes unter der Reichstagskuppel wieder los. Die Freude ist vielen der 631 Abgeordneten anzusehen. Vor Beginn der Sitzung fotografieren sich einige im Plenarsaal gegenseitig; man begrüßt und umarmt sich, die Fraktionsgrenzen zerfließen. Es ist ein Gute-Laune-Parlament, das sich neu auf den blauen Polsterstühlen unter dem Bundesadler niederlässt. Nur oben auf der Tribüne ist Zähneknirschen angesagt, denn einigen Zaungästen ist nicht gerade nach Heiterkeit zumute.
Unter den Zuschauern sind auch abgewählte FDPler, darunter aber keine Minister, obwohl sie noch geschäftsführend im Amt sind. Während die Ressortchefs von CDU und CSU in der zweiten und dritten Abgeordnetenreihe und die Kanzlerin in der ersten Platz nehmen, weil die Regierungsbank bei der Auftaktsitzung des neuen Bundestages traditionell unbesetzt bleibt, wollen sich Rösler & Co die Gästetribüne nicht antun. "Es ist bitter", beschreibt der ehemalige Staatssekretär im Wirtschaftministerium, Ernst Burgbacher, den Seelenzustand der Liberalen. Heinz Riesenhuber empfindet das offenbar genauso. Er erinnert an die Verdienste der FDP. Viel Applaus gibt es dafür nicht.
Mit 77 Jahren eröffnet der Hesse als Alterspräsident den Bundestag. Riesenhuber ist ein Phänomen, oder wie Umweltminister Peter Altmaier sagt: "Ein von allen geschätztes Original." Die Fröhlichkeit erhält einen Dämpfer, als es um die Wahl der Stellvertreter des Bundestagspräsidenten geht. Vertreter von Union und SPD verteidigen die Aufstockung des Präsidiums von fünf auf sechs Vizepräsidenten, zwei für die Union und zwei für die SPD. Das spiegle die Mehrheitsverhältnisse wider. Gewählt werden alle sechs.Extra

Rheinland-Pfälzer mit am Tisch: Mindestens sieben rheinland-pfälzische Politiker sind bei den heute beginnenden Koalitionsverhandlungen dabei: Von der CDU sind dies Landeschefin Julia Klöckner, Staatsministerin Maria Böhmer, der Koblenzer Bundestagsabgeordnete Michael Fuchs und der Landwirtschaftsstaatssekretär Peter Bleser. Von der rheinland-pfälzischen SPD-Seite sitzen Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Bildungsministerin Doris Ahnen und die Generalsekretärin Andrea Nahles mit am Verhandlungstisch. sey