"Aber ein Stück von mir bleibt zurück"

"Aber ein Stück von mir bleibt zurück"

Berlin. Er war einer der letzten Dinosaurier der deutschen Politik, ein großes Kaliber, das stets freundlich und menschelnd daherkam. Johannes Rau, achtes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland, überlebte den Abschied von dem geliebten Präsidenten-Amt nur um eineinhalb Jahre.

Zum "Sammeln und Aufarbeiten" seines ereignisreichen und spannenden Lebens kam er nicht mehr, die schwere Erkrankung ließ es nicht zu. Nur wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag ist der legendäre Sozialdemokrat am Freitag in Berlin gestorben. Johannes Rau war anders als all die anderen, die im politischen Rampenlicht standen. Er wollte "versöhnen statt spalten". Wie kaum ein zweiter Volksvertreter lebte er für die Bürger, mit den Bürgern und von den Bürgern. Überaus geschickt verstand es der Sohn eines Wanderpredigers aus Wuppertal, kumpelhaft zu wirken, ohne kumpelhaft zu sein. Vom Naturell her stets auf Ausgleich bedacht

Überhaupt verdankt er die steile Karriere besonders seinem Naturell, das stets auf Ausgleich bedacht war. Rau setzte auf die sanfte Masche, er wurde niemals richtig laut. "Bruder Johannes" nannten sie ihn bald bei den Genossen, denen er seit den 50er-Jahren angehörte. Bei der SPD fand der bibelfeste "Menschenfischer" seine Heimat, hier stieg er unaufhaltsam nach oben, wurde erst SPD-Vize, dann Kanzlerkandidat (Niederlage gegen Helmut Kohl 1987) und kam schließlich ins höchste Amt, das der Staat zu vergeben hat. Mit seiner Wahl am 23. Mai 1999 erfüllte sich für Rau ein Lebenstraum, den er jahrzehntelang geträumt hatte. Er, der Kleinbürger aus dem Bergischen Land, der als gelernter Buchhändler ohne Abitur und Studium gegen die akademisch gebildete Konkurrenz antreten musste, ließ am Ende alle hinter sich. Die Menschen mochten den begnadeten Anekdoten-Erzähler und diskreten Hinterzimmer-Mauschler, der sich so volkstümlich präsentierte und es dennoch faustdick hinter den Ohren hatte. Vor allem mit seiner schärfsten Waffe, dem verständnisheischenden Wort, gewann er die Herzen und Köpfe der Menschen in Nordrhein-Westfalen. Der Erfolg konnte sich sehen lassen: Fast 40 Jahre lang saß er im Düsseldorfer Landtag, die Hälfte davon als Ministerpräsident. Kein Regierungschef in Deutschland amtierte länger als er, obwohl seine politische Bilanz so zerknautscht war wie sein freundliches Allerweltsgesicht: Den notwendigen Strukturwandel im Kohlenpott hat er verschleppt, die arge Finanzmisere in NRW hat er nicht zu lösen vermocht. Dennoch war Johannes Rau etwas gelungen, woran die meisten Politiker bis heute scheitern: Er hat den Menschen das Gefühl vermittelt, sie tatsächlich zu verstehen und ernst zu nehmen. So bescheiden Rau auch gewirkt haben mag - seine Karriere hat er durchaus zielstrebig betrieben. Dabei halfen einflussreiche Freunde: Das bewunderte Vorbild Gustav Heinemann, dessen Enkelin Christina er (erst mit 51 Jahren) heiraten sollte; die SPD-Legenden Willy Brandt und Helmut Schmidt, zwischen denen er mehrfach moderieren musste; der Strippenzieher und spätere Top-Banker Friedel Neuber; und Oskar Lafontaine, mit dem ihn ein Trauma verband: Das Messer-Attentat 1990 auf den Saarländer hatte eigentlich Rau gegolten. Dem damaligen SPD-Vorsitzenden Lafontaine hat er auch das Präsidentenamt zu verdanken. Freund "Oskar" organisierte die Mehrheiten und verschaffte Rau trotz parteiinterner Kritik ("Frau statt Rau") erneut die Kandidatur. Rau wollte es als Präsident besonders gut machen - und legte einen formidablen Fehlstart hin. Seine Auftritte waren von bleierner Schwere geprägt, in Gestus und Habitus wirkte er unsicher, sein rednerisches Talent schien versiegt. In leiser Verzweiflung sinnierte er damals im Schloss Bellevue vor sich hin und litt spürbar an einer Flugaffäre (Er soll als Ministerpräsident Jets der West-LB kostenlos genutzt haben), die man ihm anhängen wollte. Das Blatt wendete sich am 16. Februar 2000, als er vor der Knesset in Jerusalem (auf deutsch) eine historische Rede hielt, in der er das jüdische Volk für die Verbrechen der Nazis um Vergebung bat. Es folgten bemerkenswerte "Berliner Reden" zur Gentechnologie, zur Zuwanderung, zur Globalisierung, die ihm die alte Sicherheit zurückbrachten. Am Ende seiner Amtszeit hatte der Pils- und Skatfreund alle versöhnt, war international respektiert und zum populärsten Politiker der Nation aufgestiegen. Johannes Rau war mit sich und der Welt im Reinen, als er im Juni 2004 Schloss Bellevue verlassen musste. Als Ruheständler wurde es schnell still um ihn, auch weil seine Krankheiten schlimmer wurden und dem Kettenraucher Operationen (im Bauchraum, am Herzen) bescherten. An seiner eigenen Geburtstagsfeier, die Bundespräsident Horst Köhler am 16. Januar organisierte, konnte er nicht mehr teilnehmen. Sein Vermächtnis hatte Johannes Rau schon 1998 formuliert, als er in seiner letzten Plenarrede in Düsseldorf mit einem Anflug von Melancholie und brüchiger Stimme sagte: "Ich nehme Abschied. Aber ein Stück von mir bleibt zurück."