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"Aber es war schon zu spät …"

"Aber es war schon zu spät …"

Trauer und Bestürzung in einer Schneifelgemeinde: Nach dem bislang ungeklärten Tod einer 28 Jahre alten Frau und ihrer sechsjährigen Tochter fragen sich alle, warum das passieren konnte. Denn nichts habe auf eine solche Tragödie hingedeutet.

Bleialf. "Am Samstag haben wir noch zusammen gelacht", sagt Werner Bender. Der frühere Zollbeamte hatte ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu seiner jungen Nachbarin, die am Sonntag zusammen mit ihrer kleinen Tochter tot in ihrer Wohnung gefunden wurde: "Jeden Tag haben wir miteinander gesprochen", erzählt der 77-Jährige, "ich bin immer mit meinem Hund bei ihr vorbei, dann hat sie aus dem Fenster rausgeguckt."Eine gute Nachbarin

Und weil das Verhältnis so gut gewesen sei, habe er sich auch dar-über gewundert, dass an diesem Tag die Jalousien an den Fenstern der Mietwohnung im Nachbarhaus so lange geschlossen geblieben seien. "Mir ist das morgens schon aufgefallen", sagt Bender. Als dann später der Vermieter, der im gut zehn Kilometer entfernten Watzerath wohnt, mit seiner Familie vorbeigekommen sei, um am Haus zu arbeiten, habe er diesen darauf hingewiesen. "Wir haben uns zuerst nichts dabei gedacht", sagt die Frau des Vermieters im Gespräch mit dem TV. Aber dann habe ihr Mann doch einen ihrer Söhne auf die Schultern genommen, damit dieser einen Blick in die Erdgeschosswohnung werfen konnte. Dem Jugendlichen gelang es, einen der Rollläden einen Spalt breit hochzuschieben. "In der Küche hat er nichts gesehen", sagt seine Mutter. "Aber irgendwie hat ihm das keine Ruhe gelassen." Erst beim zweiten Versuch und dem Blick ins Wohnzimmer und ins Bad entdeckte der 15-Jährige dann die beiden Toten.Die Vermieter alarmierten die Rettungskräfte. "Polizei, Feuerwehr, die sind dann da rein", sagt Werner Bender. "Aber es war schon zu spät." Bald darauf sei auch der von der Mutter getrennt lebende Vater des Mädchens nach Bleialf gekommen, er wohnt in einem Nachbarort nicht weit entfernt. Der Mann erlitt einen Zusammenbruch, er habe in ein Krankenhaus gebracht werden müssen, sagt Werner Bender.Bis zur Klärung der Todesursache wird nun viel spekuliert. Manche fragen sich, ob die Frau sich und ihr Kind umgebracht habe - und warum. Aber nichts, das sagt auch die Vermieterin, habe auf eine solche Möglichkeit hingewiesen, "keiner hätte bei ihr mit so etwas gerechnet". Das Verhältnis zu der 28-Jährigen, die aus dem Saarland stamme und seit etwa vier Jahren in Bleialf gewohnt habe, sei immer "ganz toll" gewesen. Der siebenjährige Sohn der Vermieterfamilie und die Tochter der Frau seien zusammen zur Schule gegangen und miteinander befreundet gewesen. Jetzt ist die ganze Familie erschüttert.Die junge Frau sei unauffällig gewesen, sagt Ortsbürgermeisterin Edith Baur. Sie macht sich aber Gedanken darüber, ob man ihr nicht vielleicht hätte helfen oder sich um sie kümmern können. Leider aber "laufen wir in unserer heutigen Zeit alle anein-ander vorbei. Das Gespräch miteinander stirbt so langsam vor sich hin." An Spekulationen um den Tod der Mutter und ihres Kindes will sich die Gemeindechefin nicht beteiligen: "Zu so einer schrecklichen Sache kann und will ich nichts weiter sagen. Außer, dass ich den Angehörigen gegenüber mein Mitgefühl ausdrücke - auch im Namen der Gemeinde."Meinung

Zwischen Hoffnung und VerzweiflungNoch steht nicht fest, warum die junge Frau und ihr kleines Kind sterben mussten. Aber die so immens traurige Nachricht aus Bleialf fällt mitten in eine Zeit, in der sich viele von uns lieber mit anderen Dingen befassen. Mit Gedanken an Liebe, Frieden und Hoffnung, mit der Freude auf ein anstehendes Fest und an die Geschenke, die sie denen machen werden, die ihnen am nächsten stehen. Und sie erinnert uns dadurch umso mehr daran, wie viel Unglück und Verzweiflung es dennoch gibt, mitten unter uns. Jeden Tag. fp.linden@volksfreund.deExtra

In Bleialf hat sich vor elf Jahren bereits eine ähnliche Tragödie abgespielt: Im Juli 2003 erhängte ein 30 Jahre alter Familienvater aus dem Schneifeldorf zuerst seine beiden kleinen Söhne in der Garage und dann sich selbst. Die Mutter der Kinder, damals 24 Jahre alt, war zu diesem Zeitpunkt nicht im Haus. Sie hatte sich von ihrem Mann trennen wollen. Nur gut acht Monate davor war die Eifel bereits von einer ähnlich schrecklichen Tat erschüttert worden: Im November 2002 stürzte sich auf der A-60-Brücke bei Wilsecker ein 35-jähriger Familienvater aus Schönecken, ebenfalls in der Verbandsgemeinde Prüm, mit seinen beiden kleinen Söhnen, fünf und zwei Jahre alt, in den Tod. Auch damals waren Beziehungsprobleme das Motiv. Und im August 1997 tötete ebenfalls wegen familiärer Probleme im Eifeldorf Daleiden ein 35-Jähriger zuerst seine Frau und die beiden Kinder (5 und 8), anschließend richtete er sich selbst. fpl