Absurdes vom oberen Ende

Die Staatsanwaltschaft wird entscheiden, ob der Tatverdacht der Untreue im Fall Schröer zutrifft. Bevor diese Entscheidung gefallen ist, kommt jede Diskussion über Schuld oder Unschuld zu früh.

Die Staatsanwaltschaft wird entscheiden, ob der Tatverdacht der Untreue im Fall Schröer zutrifft. Bevor diese Entscheidung gefallen ist, kommt jede Diskussion über Schuld oder Unschuld zu früh. Dennoch müssen sich der Trierer Oberbürgermeister und sein ehemaliger Kämmerer und Finanzexperte bereits jetzt der grundsätzlichen Frage stellen, die momentan in vielen Verwaltungs-Kantinen und an zahlreichen Stammtischen heiß diskutiert wird: Was ist in der Chefetage des Rathauses wirklich gelaufen? Wie passen diese Abläufe zu den oft zitierten "guten Sitten"? Ein hochrangiger Beamter macht Überstunden – kein Einzelfall. Er schreibt jede einzelne dieser Überstunden auf – auch das ist noch nachvollziehbar. Sein Dienstherr, OB Helmut Schröer, betont mehrfach, diese Überstunden seien wegen der Härten des Jobs ebenso unverzichtbar wie der Beamte selbst. Außerdem seien sie ein Resultat extremer Einsatzbereitschaft und hoher Belastbarkeit. Und schließlich habe das innovative Zins- und Schuldenmanagement des Finanzstrategen der Stadt mindestens 30 Millionen Euro eingebracht. Was ist dagegen eine Überstundenvergütung in Höhe von 100 000 Euro? Wer im öffentlichen Dienst oder in der freien Wirtschaft versuchen würde, 5300 Überstunden zu sammeln und geltend zu machen, würde wahrscheinlich vom Chef entweder ausgelacht oder gleich abgemahnt. Dann wird es endgültig absurd. Der hohe Beamte hat nebenbei an der Gemeindeverwaltungsschule Trier Unterricht im Fach Haushaltsrecht erteilt, der sowohl sein Überstunden- als auch sein Bankkonto erhöht hat. Sein Dienstherr wusste davon – und wollte ihm dennoch 100 000 Euro extra zahlen. Viele Arbeitnehmer der mittleren und unteren Ebenen werden sich jetzt fragen, warum manche für gute Leistungen und harte Arbeit gut, manche mittelmäßig, manche eher schlecht und einige wenige in astronomischen Höhen bezahlt werden. Und sie werden sich fragen, warum man am oberen Ende der Hierarchie so oft den Bezug zur Realität verliert. j.pistorius@volksfreund.de