Adieu Kanzler

Als vor 23 Jahren der letzte SPD-Kanzler Abschied nahm, ließen die Genossen noch eine kurze Anstandsfrist, bevor sie das politische Erbe von Helmut Schmidt beerdigten.

Als vor 23 Jahren der letzte SPD-Kanzler Abschied nahm, ließen die Genossen noch eine kurze Anstandsfrist, bevor sie das politische Erbe von Helmut Schmidt beerdigten. Nachrüstung, Atomkraft: Es dauerte ein halbes Jahr, bis die Partei die Positionen, die ihr der Altkanzler aufgezwungen hatte, aus dem Weg räumte. Aber es war zu spät: Schmidt hatte die Ökopax-Bewegung so stark gemacht, dass die Grünen nicht mehr aufzuhalten waren und die Volkspartei SPD einen beachtlichen Teil ihres Potenzials dauerhaft einbüßte. Deshalb wird man bei Gerhard Schröder nicht so lange warten. Die Partei ist längst dabei, seine Positionen zu räumen, und sie wird es unter dem wachsenden Druck der Lafontaine-PDS bis zur Wahl noch wesentlich radikaler tun müssen, wenn sie nicht ein weiteres Fünftel ihrer Klientel einbüßen und sich damit endgültig von der Rolle einer Volkspartei verabschieden will. Das Problem ist nur, dass die Operation noch zu Lebzeiten des Patienten durchgeführt wird, und dass er als Kanzlerkandidat bei vollem Bewusstsein eine fröhliche Miene dazu machen muss. Warum er sich das antut, weiß Gerhard Schröder allein. Das ist das traurige Ende einer Ära, die 1998 hoffnungsvoll begann. "Modernisierung und Gerechtigkeit" lautete das rotgrüne Motto, hinter dem sich unterschiedliche Erwartungen sammelten. Man traute Schröder das Aufbrechen von Verkrustungen zu, das Einleiten notwendiger Veränderungen. Aber eben auch die sozialdemokratische Kernkompetenz: Dass es bei diesem Prozess nicht allein die "kleinen Leute" sein sollten, die die Zeche zahlen. Vor allem an letzterem ist Schröder gescheitert. Hartz IV wäre leichter verkraftbar gewesen, wenn man nicht gleichzeitig Besserverdienende entlastet hätte. Die Praxisgebühr hätten die Menschen eher hingenommen, wenn nicht gleichzeitig die Gewinne der Pharma-Industrie neue Rekordmarken erreicht hätten. Und die Ökosteuer wäre dem Durchschnittsverbraucher besser zu vermitteln gewesen, wären nicht gleichzeitig die Steuervorteile für Konzerne ausgeweitet worden. Marktliberale mögen das Neid nennen, für die sozialdemokratische Klientel hat das mit Gerechtigkeit zu tun. Dafür wählt man SPD, das hat Schröder nie begriffen. Er hat immer wieder darauf gesetzt, dass bessere Verwertungsbedingungen für die Wirtschaft mehr Arbeitsplätze bringen. Ein Trugschluss. Einer von vielen. Dass die anderen für die anstehenden Aufgaben kein besseres Konzept haben, wird ihm nichts mehr nützen. Es ist wie bei Helmut Kohl in der Endphase: Den Leuten ist fast egal, was kommt – Hauptsache, was anderes. d.lintz@volksfreund.de