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Ägyptens radikale Demokraten auf Kollisionskurs zur Armee

Ägyptens radikale Demokraten auf Kollisionskurs zur Armee

Wieder besetzen Menschen den Tahrir-Platz in Kairo. Erstmals seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak vor zwei Monaten ist in Kairo ein Demonstrant bei Zusammenstößen mit dem Militär ums Leben gekommen. Der Bruch mit dem alten Regime ist in Ägypten ein langwieriger Prozess.

Kairo. Es wird wieder diskutiert auf dem Tahrir-Platz, hitzig und leidenschaftlich wie eh und je. "Das Beste ist, ihr geht nach Hause. Es bringt nichts, wenn ihr Ärger mit der Armee bekommt", redet ein älterer Mann im hellbraunen Anzug und mit offenem Hemd in der Nacht zum Sonntag auf die Umstehenden ein. Er stellt sich als Magdi Adel vor, Armeeoffizier im Ruhestand. "Und was ist mit unseren Forderungen? Wann kommt Mubarak endlich vor Gericht? Was ist mit den Milliarden, die er gestohlen hat?", rufen die jungen Leute, die er nicht zu überzeugen vermag.

Gespanntes Verhältnis



Die Demonstranten bleiben auf dem Platz, und die Armee schreitet in jener Nacht nicht ein. Auch am Sonntag harren ein paar Hundert junge Leute auf dem Tahrir-Platz aus. Die Vorgänge werfen ein Schlaglicht auf das zum Zerreißen gespannte Verhältnis zwischen dem radikalen Flügel der ägyptischen Demokratiebewegung und dem Oberkommando der Armee. Dieses hatte nach dem von den Demokraten bewirkten Abgang von Präsident Husni Mubarak am 11. Februar vorübergehend die Macht im Land übernommen.

Denn in der Nacht zum Samstag war zum ersten Mal in der neuen Ära bei einem direkten Zusammenstoß mit der Armee ein Toter zu beklagen. Am Freitag waren zuvor Zehntausende Menschen auf dem Tahrir-Platz zusammengekommen, um zügige Gerichtsprozesse gegen Mubarak und seine Entourage zu fordern. Bei der größten Kundgebung seit Wochen war noch das gesamte Spektrum der Bewegung vertreten, darin eingeschlossen die islamische Muslimbruderschaft. Diese verspricht sich aufgrund ihrer guten organisatorischen Aufstellung von baldigen Wahlen schöne Gewinne.

Als die meisten Menschen am Freitagabend nach Hause gingen, blieben ein paar Hundert Demokratieaktivisten auf dem Platz. Unter dem Vorwand der Ausgangssperre, die um zwei Uhr morgens beginnt, ging die Militärpolizei mit Warnschüssen, Holzstöcken und Elektroschockern gegen die Platzbesetzer vor, die sich mit Brandsätzen und Steinen gegen die angestrebte Räumung wehrten. Ein Demonstrant starb, 71 weitere erlitten Verletzungen, einige auch durch Schüsse. Zwei Lastwagen und ein Autobus der Armee brannten aus - wie Mahnmale der nächtlichen Straßenschlacht standen sie auch am Sonntag noch da.

Der regierende Militärrat bedauerte in einer Erklärung die Opfer, warnte aber zugleich etwas geheimnisumwittert vor "Kräften, die einen Keil zwischen das Volk und die Armee treiben wollen". Tatsächlich wandelt die Militärführung auf einem schmalen Pfad zwischen Stabilitätssicherung und dem dringend nötigen Bruch mit dem Mubarak-System. Die meisten Demokraten folgen ihr dabei, denn die Stabilität muss gewahrt bleiben, wenn im September erstmals im Lande demokratisch gewählt werden soll. Radikalere Gegner des alten Regimes glauben aber auch, in der bewahrenden Attitüde der Militärs eine verhohlene Komplizenschaft mit den Mubarak-Seilschaften zu erkennen. Nach den Ausschreitungen wurde auf dem Tahrir-Platz erstmals lautstark der Rücktritt des Oberkommandierenden, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, gefordert.

Gewalt gegen Demonstranten



Vor allem, wenn das Militär in alter, schlimmer Gewohnheit den Knüppel aus dem Sack lässt, sehen sich die radikaleren Kritiker in ihren Ansichten bestätigt. An diesem Wochenende war denn auch der erste Tote in Zusammenstößen mit dem Militär zu verzeichnen.

Doch Gewalt gegen Demonstranten gab es auch schon vorher in der Zeit nach dem Umsturz. Am 9. März zerschlug die Armee eine Kundgebung auf dem Tahrir-Platz und verschleppte einige Aktivisten in die Keller des nahen Ägyptischen Museums.

Dort wurden sie verprügelt, die jungen Frauen sexuell misshandelt - bei einem sogenannten Jungfräulichkeitstest wurden sie nackt gefilmt. Die Armee hatte sich zwar danach für diesen Vorfall entschuldigt. Doch dass irgendjemand von den Offizieren dafür zur Verantwortung gezogen worden wäre, wurde bislang nicht bekannt.