Als die Titanic sank....

BERLINER NOTIZEN

MANCHE Journalisten sind wie deutsche Touristen. Am Freitag, dem Tag der Vertrauensfrage, konnte man das im Bundestag gut beobachten. Klar, jeder wollte einen Platz, doch die Kapazitäten im Reichstag sind nun mal begrenzt. Was machten also einige der lieben Kollegen? Sie legten frühmorgens schon Zettel auf die Tribünenbänke mit "reserviert", sie brachten ihre Töchter und ihre Praktikanten (-innen) mit, die frühzeitig einen Platz besetzten, während sie sich selbst noch im Reichstag tummelten. Der Bundestag verkam zur schnöden Liege mit Handtuch drüber an irgendeinem x-beliebigen Pool. Besten Dank.DIE WOCHE in Berlin war allerdings eine richtige Partywoche. Feste über Feste, von Parteien, Verbänden, Medien und Landesvertretungen. Besonders im Fokus stand am Dienstag das traditionelle Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion, bei dem jeder sehen wollte, wie gut die Laune bei den Genossen ist, wenn man den Machtverlust vor Augen hat. "Als die Titanic sank, wurde ja auch gefeiert", hörte man dort ziemlich oft. Irgendwie passte es, dass als Höhepunkt eine Band auftrat, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich hat – wenn sie denn je welche hatte: "Londonbeat", in den 90er Jahren mal kurzzeitig in den Hitparaden. Die inzwischen in die Jahre gekommen Herren mühten sich redlich, beim Playback mitzuhalten. "Wir haben immer noch die besten Promis", meinte ein Genosse darauf hin ironisch.WELCHER GAST war bei den vielen Festen wohl der begehrteste? Na klar, die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Ihre Chancen, ins Kanzleramt einzuziehen, sind immens, und Macht macht schließlich unglaublich sexy. Auch Angela Merkel. Beim Sommerfest des ZDF am Donnerstag vor der alten Nationalgalerie saß die Ostdeutsche übrigens auffallend lange bei Altkanzler Helmut Kohl. Die Spendenaffäre ist ja längst vergeben und vergessen. Vielleicht erhält Kohl ja auch noch einen Beratervertrag...APROPOS MERKEL: Wo immer sie auch auftrat, wurde ganz deutlich: Die Frau hat sich verändert. Früher nannten die Kabarettisten sie "Prinzessin Eisenherz" oder "sprechenden Hosenanzug". Seit die 50- Jährige aber im apricotfarbenen Blazer vor himmelblauem Hintergrund verkündete, sie wolle Deutschland dienen, sind sich alle einig: Die CDU-Chefin sieht jetzt besser aus als früher, wie man auch auf den Partys sehen konnte. "Ein Aschenputtel erscheint in neuem Licht", diagnostiziert der "Stern", andere schreiben von einer "Radikalkur" und einem "neuen Lady-Look". Einer jubelt übrigens ganz besonders, ihr Friseur Udo Walz: "Frau Merkel sieht fantastisch aus." Mehr sagt er aber nicht, seine Kundin hat es gar nicht gern, wenn Walz öffentlich über die "Endfrisur" spricht – die ein durchgestufter Bob mit geföntem Pony ist. Hagen Strauß