Alt, arbeitslos, chancenlos?

BERLIN. Kurz vor einem Gespräch von Gewerkschaften und Bundeskanzler über die Arbeitslosigkeit sind Forderungen nach mehr Anstrengungen für ältere Arbeitslose laut geworden. Bundesregierung und Arbeitgeber müssten endlich Arbeitsplätze für Ältere schaffen, fordern Gewerkschaften.

Wenn ein Tabu gebrochen wird, knirscht es laut und vernehmlich. Deshalb hat die hochpolitische Aussage des Chefs der Bundesagentur für Arbeit, ältere Arbeitslose hätten kaum noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weshalb ihnen "die Gesellschaft ein Angebot machen" müsse, auch heftige Reaktionen ausgelöst. Die parteiübergreifende Kritik an Frank-Jürgen Weise trägt jedoch einen heuchlerischen, ja zynischen Charakter. Denn erstens hat er den Finger völlig zu Recht in eine schwärende Wunde gelegt. Zweitens ist es die Politik selbst, die sich seit Jahren um das explosive Kernproblem herumdrückt. Wer heute das Glück hat, 50 Jahre und älter zu werden, der hat - ein scheinbares Paradoxon - oft gleichzeitig auch Pech. Denn er gilt als "alt" oder zumindest "älter", was ihn in der dominanten Generation der Jungdynamiker leicht zum Außenseiter machen kann. Die so genannten "besten Jahre" währen jedenfalls höchstensbis 55, dann ist oftmals Schluss mit lustig: Ältere Arbeitnehmer, und darum geht es hier, werden allen politischen Sonntagsreden zum Trotz zunehmend ausgemustert aus dem Berufsleben. Rund 40 Prozent aller Betriebe in Deutschland sind heute bereits "(f)altenfrei" und beschäftigen keine Menschen mehr, die das 50. Lebensjahr überschritten haben. Tendenz steigend. Gleichzeitig mehren sich die Stimmen aus Politik und Wirtschaft, die vehement eine längere Lebensarbeitszeit fordern. Der Widerspruch ist offensichtlich. Die wirkliche Sprengkraft der Entwicklung wird aber erst deutlich, wenn eine Vergleichszahl hinzu kommt: Jedes zweite Neugeborene hat heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren! (Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung). Das heißt, die Schere zwischen dem meist unfreiwilligen Vor-Ruhestand und der realen Lebenszeit klafft dramatisch auseinander. Was dies für die ohnehin chronisch klamme Rentenkasse bedeutet, kann sich jeder ausrechnen. Was dies aber für ein Individuum bedeutet, das der markt- und betriebswirtschaftlichen Selektion zum Opfer fällt, vermag nur der Betroffene selbst zu ermessen. Die Sprüche, die vor und nach der Weise-Aussage zu diesem Thema zu hören waren, sind wenig sachdienlich und ein Beleg für die Hilflosigkeit der politisch Verantwortlichen. Beispiele aus der Phrasenschule: "Wir brauchen die Alten, ihre Erfahrung, ihre Vitalität, ihr Engagement für die freie und faire Zukunft unseres Landes" (FDP-Chef Guido Westerwelle). "Ich warne vor einer Stigmatisierung des Alters" (SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner). "Weises Aussagen sind eine grandiose Schweinerei gegenüber den Betroffenen" (CDU-Arbeitsmarktexperte Karl-Josef Laumann). "Jetzt kommt es darauf an, mit klugen und kreativen politischen Lösungen die Älteren besser zu integrieren und ihre Fähigkeiten zu nutzen" (die SPD-Seniorenpolitiker Christel Humme und Angelika Graf). Die Abgeordneten Humme und Graf haben Recht: Jetzt kommt es darauf an, und nicht erst in zehn oder 20 Jahren, wenn sich der Geburtenknick der 80er und 90er Jahre bemerkbar macht. Den älteren Arbeitslosen dieser Tage hilft die Prognose nicht weiter, wonach sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt dereinst entspannen wird. Sie brauchen die "klugen und kreativen Lösungen" heute und nicht morgen. Der Genosse Brandner hat dazu offenbar keine Idee. Er meint, der Staat könne nicht allen Erwerbslosen ein Arbeitsangebot machen. Eine possierliche Erkenntnis, wenn man sich die Zahlen vor Augen hält: Offiziell sind in Deutschland fünf Millionen Arbeitslose registriert. Tatsächlich sind es sechs bis acht Millionen - bei 230 000 offenen Stellen. Dass ältere Jobsucher in diesem gnadenlosen Wettbewerb praktisch chancenlos sind, liegt auf der Hand. Die Aussagen des Bundesagentur-Vorsitzenden Weise mögen nicht weise formuliert gewesen sein. Als Anstoß für eine überfällige Debatte sind sie unersetzlich.