Alternative Wohnformen für Ältere: Wie Technik pflegebedürftigen Senioren hilft

Trier · Obwohl sie möglicherweise einsam und pflegebedürftig sind, möchten die meisten alten Menschen so lange wie möglich zu Hause wohnen. Sie wissen oft aber nicht wie. Das Land testet in Pilotprojekten verschiedene alternative Wohnformen, um das zu ermöglichen.

Großer Bahnhof bei Gisela Tokarski: Die 73-Jährige lächelt angesichts der Pressemeute, die mit der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer (SPD) an der Spitze bei ihr einfällt. Die rüstige Seniorin erklärt viel. Sie hat keinerlei Berührungsängste.
Der Besuch bringt Abwechslung in den Alltag der Rentnerin, die als eine von bislang 17 Teilnehmern in der Stadt Trier und der Verbandsgemeinde Konz erprobt, wie sich mit Hilfe der Technik das Leben in den eigenen vier Wänden im Alter selbstständig bewältigen lässt. 30 Plätze gibt es insgesamt beim Projekt Susi TD.
Wer mitmacht, bei dem passiert Folgendes: In der Wohnung werden Bewegungsmelder und Kontaktsensoren sowie ein Computersystem installiert. Sie beobachten alle Bewegungsabläufe, ob gekocht wird oder geschlafen, ob der Wohnungsinhaber duscht oder zur Toilette geht. Kameras und Mikrofone gibt es aber nicht. "Sonst hätte ich gestreikt", sagt Gisela Tokarski lachend. Den Senioren werden mit Susi TD Gesprächs- oder Spielrunden geboten, sie können Video-Telefonie nutzen. Das System ist mit dem Pflegestützpunkt im Zentrum von Trier (Kochstraße) verbunden, wo sorgsam registriert wird, ob der oder die Betreffende vielleicht Hilfe braucht. Diesen Schluss zieht man, wenn das Verhalten vom üblichen Schema abweicht.
Grundsätzliche Vorteile für Senioren: Sie werden beraten von den Pflegestützpunkten in Trier oder Konz, können kommunizieren, sind daher nicht einsam und haben das gute Gefühl, im Bedarfsfall von Fachkräften versorgt zu werden.
Für Gisela Tokarski ist all das wichtig, nachdem ihre Tochter aus Trier weggezogen ist. Susi TD ist nur eines von mehreren Pilotprojekten in Rheinland-Pfalz. Es ist für zwei Jahre angelegt. Hauptsächlich geht es um technische Errungenschaften, deren Nutzung vom Fraunhofer-Institut in Kaiserslautern erfasst und analysiert wird. Es gibt auch ambulant betreute Seniorenwohngemeinschaften wie in Marienrachdorf im Westerwald oder einen Wohnpark in Koblenz, der generationenübergreifendes Wohnen bietet.
Für Sozialministerin Malu Dreyer ist Wohnen in Alter eines der zentralen Themen im Rahmen des demografischen Wandels. Wenn die Bevölkerung altere und schrumpfe, müsse über neue Wohnformen nachgedacht werden, sagt sie. "Ein Bewusstseinswandel ist notwendig." Will heißen: Weg von den häufig schon überfüllten Pflegeheimen, hin zu längerem Verweilen im eigenen Heim.
Ob bewusst oder unbewusst - ein bisschen präsentiert sich die Ministerin bei der ganztägigen Pressereise auch selbst - als eine mögliche Nachfolgerin von Ministerpräsident Kurt Beck. Sie umschifft dieses Thema zwar, indem sie es für tabu erklärt. Aber die Gedanken der Journalisten schweifen in diese Richtung. Sie erleben eine charmante und fachkundige Politikerin, die beispielhaft für eines der Hauptanliegen der SPD steht, die soziale Gerechtigkeit. Dreyers Elan und Vitalität erstaunen manchen angesichts ihrer Krankheit, sie leidet an Multipler Sklerose. "Absolut authentisch" findet sie ein Fotograf. Und ein Satz von Rentnerin Gisela Tokarski bleibt im Gedächtnis haften: "Malu Dreyer ist eine ganz, ganz Liebe."