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"Am Sonntag entscheidet der Bauch"

"Am Sonntag entscheidet der Bauch"

BERLIN. Warum wählen welche Wähler am 18. September wie? Darüber sprachen wir mit dem Chef des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts Emnid, Klaus-Peter Schöppner.

Nach welchen Kriterien machen die Wähler am Sonntag in der Wahlkabine ihr Kreuz? Schöppner: Bislang wurden Wahlen in Deutschland so wie in den USA mit nur einer Botschaft entschieden: Nur die Wirtschaft zählt. Bei der skurrilen Bundestagswahl am Sonntag scheint diese Regel durch eine neue ersetzt. Geschickte Thematisierung und das tagesaktuelle Gespür der Wähler, ob Angst oder Aufbruch zu wählen ist, werden am Sonntag über die neue Regierung entscheiden. Simpel das Bauchgefühl, ob man es der Union zutraut, zusammen mit der FDP Deutschland ohne allzu große Einschnitte wirtschaftlich gesunden zu lassen. Oder ob Christliberal lediglich Tarnung und Täuschung betreibt - und das Land mit rigiden Sparaktionen zugunsten der Wirtschaft und auf Kosten der Kleinen therapieren will.

Wo bleiben die politischen Inhalte?

Schöppner: In diesem Wahlkampf ging es zuletzt kaum noch um Inhalte. Diese Banalisierung des Wahlkampfes hat drei Gründe: Der große Vertrauensverlust - gerade noch acht Prozent der Deutschen vertrauen den Parteien. Dann der zunehmende Eindruck von Inkompetenz: Mehr als jeder Zweite traut den Parteien keine Verbesserungen in den wichtigsten Politfeldern mehr zu. Und schließlich die fehlende Nachhaltigkeit der rotgrünen Politik: 90 Prozent beklagen, dass politische Entscheidungen von heute schon morgen nicht mehr gelten. In der Folge halbiert sich das politische Interesse: Gerade noch 25 statt 50 Prozent wie noch 1990 halten sich für politisch interessiert, so dass die Wähler einfachste Aussagen und Zusammenhänge nicht mehr durchschauen. Nicht mehr die zentralen Zukunftsthemen, sondern der richtige Satz zur richtigen Zeit dominiert die Wahlkampfstimmung.

Also hat Gerhard Schröder noch Chancen, Kanzler zu bleiben?

Schöppner: Die SPD beherrscht diese Themenauswahl meisterlich: Da deutet sich eine Richtungswahl an, doch diskutiert wurde vornehmlich über die entrüsteten SPD-Zeigefinger auf Schönbohm, Stoiber und Kirchhof, die strategisch nahezu perfekt jede Diskussion über SPD-Bilanzen, Zukunftskonzepte und sozialdemokratische Wege dorthin im Keim erstickte. Die mangelnde politische Urteilsfähigkeit vieler Deutscher führt inzwischen zu völlig veränderten Mechanismen der Wahlentscheidung: Zum Beispiel dazu, dass Herz in politischen Diskussionen besser als Verstand ankommt, der Grund, weswegen der Kanzler in den TV-Duellen so gut abschnitt. Auch der Medien-Hype, tagesaktuell ein neues, wahlentscheidendes Thema zu entdecken, führt dazu, dass grundlegende Reformen kaum mehr in Angriff genommen werden, weil sich Politik nur noch im "Ist" abspielt. Nie zuvor hat eine Partei ihren Wahlkampf so stark auf eine Person zentriert wie diesmal die SPD auf Gerhard Schröder. Obwohl er kaum eine Chance hat, Kanzler zu bleiben.

Mit Klaus-Peter Schöppner sprach TV-Korrespondent Friedhelm Fiedler.