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Amerika trauert nach Attentat um das "9/11-Mädchen"

Die neunjährige Christina Green, geboren am 11. September 2001, dem Tag der verheerenden Terrorangriffe in Amerika, hat dem Land Hoffnung gegeben. Nun ist sie bei dem Attentat auf die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords in Arizona gestorben. Von unserem Korrespondenten Friedemann Diederichs

Tucson. Sie wollte zum ersten Mal in ihrem Leben eine Abgeordnete persönlich treffen. Denn die neunjährige Christina Green interessierte sich - ungewöhnlich für ihr Alter - nicht nur für Baseball, Reitpferde und ihre Schwimmstunden, sondern auch für die Politik in Washington. Der Wahlkampf von Barack Obama hatte die Musterschülerin inspiriert, und am Samstagmorgen holte eine Freundin der Familie das dunkelhaarige Mädchen im Elternhaus ab, um beim nahen "Safeway"-Supermarkt in Tucson (Arizona) an der Bürgersprechstunde des Kongressmitglieds Gabrielle Giffords teilzunehmen. "Sie war ganz aufgeregt, Giffords dort zu treffen. Und wir dachten, sie sei dort sicher", sagt ihre Mutter Roxanna.

Doch wenig später wurden sie und ihr Mann zur Universitätsklinik gerufen. Im Behandlungszimmer ihrer Tochter sahen sie dann am Boden verstreute blutige Kleidungsstücke - und einen reglosen Körper, dem die Ärzte nicht mehr helfen konnten. Eine Kugel aus der Glock-19-Pistole des Attentäters hatte das in der Schlange wartende Mädchen in den Rücken getroffen, dabei wichtige Organe zerstört und war aus der Brust wieder ausgetreten. Die Eltern brachen bei der Todesnachricht zusammen.

Gestern trauerten Präsident Barack Obama und die US-Bürger mit einer Schweigeminute auch um Christina Green - eine immer fröhliche Grundschülerin, deren kurzes Leben nun von Tragödien eingerahmt wird. Denn sie war am 11. September 2001 zur Welt gekommen - dem Tag der 9/11-Terroranschläge. Einem Tag, an dem die Weltmacht USA ganz am Boden lag.

Doch das Land richtete sich dann auch an der Geburt von Christina auf. Das Mädchen wurde eines von 50 "Faces of Hope" ("Gesichter der Hoffnung"), Kindern aus den 50 Bundesstaaten - Babies, die am Tag der Attacken das Licht der Welt erblickt hatten und kurze Zeit später in einem Buch vorgestellt wurden. "Sie war stets stolz darauf, an diesem Datum geboren worden zu sein", erinnert sich Christinas Mutter. Die Eltern trösten sich nun mit dem Gedanken, dass der Beginn und das Ende des Lebens ihrer Tochter zwar von tragischen Ereignissen geprägt waren - aber "alles, was in der Zeit dazwischen lag, das Beste war", sagte Vater John Green im Gespräch mit Medienvertretern.

Die Trauer sitzt in der Familie tief: "Wir sind am Boden zerstört, weil man uns unsere schöne Prinzessin so früh geraubt hat", so Christinas Mutter. Und Vater John sagt über seine Tochter, die ihn jeden Morgen mit einem Wangenkuss begrüßte: "Sie konnte so gut reden, sie wäre eine gute Politikerin geworden. Doch sie war zur falschen Zeit am falschen Platz." Er lässt keine Zweifel daran, was mit dem Täter in einem Bundesstaat geschehen sollte, der weiter die Todesstrafe verhängt und auch per Giftspritze oder Gaskammer ausführt. "Es wäre eine immense Verschwendung von Steuergeldern, auch nur einen Dollar dafür auszugeben, ihn im Gefängnis weiter am Leben zu erhalten", sagt er, "sie sollten dieses Geld lieber für unsere Schulen ausgeben." Extra Der Todesschütze von Arizona musste gestern, zwei Tage nach dem Blutbad vor einem Einkaufszentrum in Tucson, erstmals vor dem Richter erscheinen. Der 22-Jährige, der die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords mit einem gezielten Kopfschuss schwer verletzt und sechs weitere Menschen - darunter die neunjährige Christina Green - getötet hatte, ist des mehrfachen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. US-Präsident Barack Obama rief zu einer Schweigeminute auf. Er selbst wollte im Garten des Weißen Hauses der Opfer gedenken. Über die Motive des anscheinend verwirrten Todesschützen Jared Loughner wurde am Montag noch immer gerätselt.