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An der Schwelle des Todes nicht allein

An der Schwelle des Todes nicht allein

Neulich habe ich mich mit Verantwortlichen der Hospizbewegung in Trier getroffen. Dieses Gespräch hat mich nachdenklich gemacht. Einerseits war ich beeindruckt von dem überzeugenden Engagement, andererseits wurde mir wieder klar, wie sehr wir in unserer Gesellschaft immer noch versuchen, Sterben und Tod aus unserem Leben auszublenden.

Das Thema "menschenwürdig sterben" wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Wir tun zwar vieles, um länger zu leben, aber wie bereiten wir uns auf unser Sterben vor? Bei meinen Firm- und Visitationsreisen im Bistum Trier besuche ich auch Einrichtungen für alte Menschen und treffe viele Demenzkranke und Bettlägerige. Ich bin immer wieder erstaunt und erfreut, wie viele Ehrenamtliche in diesen Einrichtungen mitarbeiten. Sie helfen den alten Menschen, so lange wie möglich ein Leben zu führen, das auch unter Schmerzen und zunehmenden Einschränkungen immer wieder von der Erfahrung der Gemeinschaft, des Angenommenseins, ja der Liebe geprägt ist. Ich freue mich, dass in der Hospizbewegung sehr viele Menschen über die konfessionellen Grenzen hinweg zusammengefunden haben, andere zu begleiten, damit sie die letzte Phase des Lebens nicht allein erleben. Und vor allem soll an dieser Stelle einmal allen sehr herzlich gedankt werden, die es alten Menschen ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung oder sogar im Kreis der Familie zu sterben. Jeder von uns wünscht sich doch, an der Schwelle des Todes nicht allein zu sein. Wir werden geboren, um zu sterben, sagen Philosophen. Unsere Gesellschaft versucht, sich anders einzurichten. Das eigene Sterben wird ausgeblendet, so lange es geht. Das ist konsequent für den, der keine Hoffnung hat: Hoffnung auf ein langes Leben, auf Gesundheit, auf noch ein paar Jahre. Und dann? Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es. Aber das stimmt nicht. Die Hoffnung stirbt nie. Wir hoffen über den Tod hinaus, wir lieben über den Tod hinaus, wir leben über den Tod hinaus. Wenn der Tod das Letzte wäre, dann würde das Leben keinen Sinn machen. Dann gäbe es auch keine Menschenwürde, die es auch am Ende des Lebens zu bewahren gilt. Wenn aber die Hoffnung nie stirbt, dann müssen wir unser Leben nicht um jeden Preis verlängern. Dann können wir getrost den uns aufgegebenen Weg gehen, mit allem dazu gehörenden Leid und Schmerz. Getrost deshalb, weil wir zu unserem Schöpfer in ein neues Leben gehen, ja in die Vollendung unseres Lebens. Die Mitarbeiter der Hospizbewegung erleben immer wieder eindrücklich, wie menschengemäß und sinnvoll es ist, diesen Weg in Würde zu gehen, in Begleitung eines liebenden Menschen. Ich jedenfalls wünsche mir, dass liebe Menschen bei mir sind, wenn die Stunde des Todes naht, dass sie mit mir und für mich beten, dass ich gestärkt werde durch die Sakramente der Kirche, besonders durch die Eucharistie als Wegzehrung für die Reise in die liebenden Arme Gottes. Reinhard Marx Bischof von Trier