Angeklagter: Ich kann die Kinder nicht weinen sehen

Angeklagter: Ich kann die Kinder nicht weinen sehen

Es ist fast schon trauriger Alltag, dass sich das Trierer Landgericht mit Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen befassen muss. Der gestern verhandelte Fall sprengt aber alle Dimensionen: Ein 28-jähriger Eifeler räumt ein, sich an seinen Stieftöchtern im Zeitraum von neun Jahren fast 300 Mal vergangen zu haben.

Trier. Es gibt Tage, da ist es selbst für hartgesottene Prozessbeobachter nicht leicht, die Fassung zu bewahren. Der gestrige Mittwochmorgen ist so ein Tag. Da wird am Trierer Landgericht gegen einen jungen Mann aus der Eifel verhandelt, der seine drei Stieftöchter über neun Jahre hinweg missbraucht haben soll - allein eine heute 22-Jährige fast 200 Mal. Die drei Schwestern sitzen neben ihrer Rechtsanwältin Ursula Wolters, als der mit Handschellen gefesselte Angeklagte um kurz nach 9 Uhr von zwei Justizbediensteten in den Sitzungssaal geführt wird.
Es ist das erste Mal, dass die heute 13, 18 und 22 Jahre jungen Frauen ihren Stiefvater wiedersehen, seit er Mitte Februar verhaftet wurde. Eine der Schwestern hatte den als Hilfsarbeiter im Straßenbau jobbenden Mann zuvor angezeigt.
Sie brechen in Tränen aus, fangen hemmungslos an zu schluchzen und wenden sich ab, als Stefan H. auf der nur wenige Meter entfernten Anklagebank Platz nimmt. "Ihr müsst", sagt die hinter den jungen Frauen stehende Mutter, "wenn er das so haben will, ihr müsst."
Was die in Scheidung lebende Ehefrau des Angeklagten damit meint, können Außenstehende nur erahnen: Die Konfrontation mit seinen langjährigen Opfern soll den Eifeler wohl dazu bewegen, endlich ein umfassendes Geständnis abzulegen. Bis dahin hat der 28-Jährige nur einen Bruchteil der ihm zur Last gelegten Übergriffe eingeräumt. Und bei dieser Strategie bleibt Stefan H. auch die ersten anderthalb Stunden nach Beginn des Prozesses. Die von wem auch immer empfohlene oder gewünschte "Gegenüberstellung" von Opfern und Peiniger scheint ihre Wirkung zu verfehlen, auch wenn Stefan H. seiner Verteidigerin zunächst noch zugeflüstert hat: "Ich kann die Kinder nicht weinen sehen." Da haben die drei Schwestern den Sitzungssaal schon wieder verlassen.
Der Angeklagte streitet die Vorwürfe nicht rundweg ab. Aber er geriert sich mehr als Opfer denn als Täter. Der fast 200-fache Missbrauch der zu Beginn erst 13-jährigen ältesten Stieftochter? "Ich habe vier Mal mit ihr geschlafen, es war einvernehmlich", sagt Stefan H. und ergänzt: "Danach hat sie mich bis zu meiner Festnahme erpresst: Ich musste ihr jeden Monat 50 Euro geben, sonst wollte sie es ihrer Mutter sagen."
Der Vorsitzende Richter Albrecht Keimburg runzelt die Stirn: "Vier Mal und dann nichts mehr, das klingt unrealistisch", sagt der erfahrene Jurist. Doch Stefan H. bleibt bei seiner Aussage. Noch.
Nach eigenen Angaben wurde er selbst schon als Kind missbraucht. "Mit fünf Jahren bin ich von meinem Erzeuger, der auch mein Opa ist, vergewaltigt worden", sagt der Angeklagte. Staatsanwalt Stephane Parent hat wegen dieses Vorwurfs bereits Ermittlungen eingeleitet.
Der Prozess wird für eine Stunde unterbrochen; danach sollen die Opfer und ihre Mutter gehört werden. Schon in der Verhandlungspause heißt es aber, Stefan H. wolle nach einem neuerlichen Gespräch mit seiner Verteidigerin endlich "reinen Tisch" machen. Sollte die anfängliche "Gegenüberstellung" mit einiger Verspätung etwa doch noch etwas bewirkt haben?
Nachdem Stefan H. wieder auf der Anklagebank Platz genommen hat, legt er ein umfassendes Geständnis ab. "Er räumt alle Vorwürfe ein, will eine Therapie machen und entschuldigt sich bei den Opfern", sagt seine Verteidigerin Martha Schwiering. "Was ich vorhin gesagt habe, war Quatsch", sagt der Angeklagte.
Den wieder im Gerichtssaal erschienenen Stieftöchtern ist die Erleichterung anzumerken.

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