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Angeklagter schlüpft in die Opferrolle

Angeklagter schlüpft in die Opferrolle

Vor drei Jahren soll Hans S. einen Nachbarn ermordet haben, mit dem er seit langem im Clinch liegt. Zum Prozessauftakt bestritt der 55-Jährige die Vorwürfe und trat als Opfer von übereifrigen Ermittlern und rachsüchtigen Belastungszeugen auf.

Trier. Es ist in mancherlei Hinsicht ein ungewöhnliches Verfahren, das seit gestern in Saal 70 des Trie rer Landgerichts verhandelt wird. Wann hat man schon mal einen Mordprozess, bei dem die Leiche nie gefunden wurde? Und wann erlebt man schon mal einen Angeklagten, der so redselig ist, dass ein erfahrener und wortgewaltiger Verteidiger wie Paul Greinert nur noch die Rolle eines Zuschauers zu spielen scheint?

Hans S. hat sich auf diesen Prozess lange vorbereitet, das merken alle Prozessbeteiligten gleich zu Beginn. Und der mit einem roten Gefängnis-Jogginganzug und weißem T-Shirt bekleidete Angeklagte hat so viel zu sagen, dass er immer mal wieder sortieren muss, was er denn jetzt sofort berichten will und was noch etwas Zeit hat.

Er sitzt zu Unrecht auf der Anklagebank, zumindest diese Botschaft soll am ersten Prozesstag rüberkommen. Dazu benötigt Hans S. keinen Verteidiger. Der darf nur ab und an mal eine Frage stellen. Der Staatsanwalt Eric Samel lässt den Angeklagten lange reden, lässt ihn viele verbale Attacken fahren gegen sein vermeintliches Opfer Walter Klein, dessen angeblichem Psychoterror er und andere lange Zeit ausgesetzt gewesen seien. Der seit drei Jahren verschwundene Rentner habe nicht verwinden können, "dass er sein Haus aus finanziellen Gründen verkaufen musste", behauptet Hans S. Deshalb habe er die neuen Eigentümer und Mitbewohner terrorisiert. Irgendwann platzt dem zuvor nur milde vor sich hin lächelnden Staatsanwalt der Kragen. "Mir reicht's jetzt", blafft Samel sein Gegenüber an, "ich habe jetzt genug Märchen von Ihnen gehört."

Doch Hans S. zeigt sich von der Schelte des Anklägers nur wenig beeindruckt. "Sie sind ein junger, aufstrebender Staatsanwalt", fährt er später Samel an, "da muss einfach ein Ergebnis her." Der 55-Jährige hat für alles eine Erklärung. Auch für die Vorwürfe einer ehemaligen Nachbarin, die ihn eines zehn Jahre zurückliegenden Mordauftrags zulasten Walter Kleins beschuldigt. "Eine böswillige Unterstellung", meint Hans S., "sie will sich nur an mir rächen, weil ich sie wegen Sachbeschädigung angezeigt habe."

"Was haben Sie denn empfunden, als Sie hörten, dass Walter Klein verschwunden ist?", fragt gegen Ende des ersten Prozesstags die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz den Angeklagten. "Ich habe es zur Kenntnis genommen, ohne das zu würdigen", lautet die Antwort. Womöglich sei der Rentner wegen seiner Schulden geflüchtet, habe Selbstmord begangen oder sei bei einem Unglück ums Leben gekommen.

Der Prozess wird heute fortgesetzt.