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Ansprüche und Profit

Wer als Gesunder zum Arzt geht, kommt als Kranker nach Hause, heißt es. Ganz falsch ist das nicht. Auch wenn die pauschale Kritik am systematischen "Krankmachen” von Gesunden starker Tobak ist, ein Fünkchen Wahrheit enthält sie schon. Krankheiten, von denen vor ein paar Jahren niemand wusste, dass es sie überhaupt gibt, werden heute diagnostiziert und als behandlungsbedürftig eingestuft: Gegen Schönheitsmängel, natürliche Alterserscheinungen wie Falten und Glatze gibt es heute jede Menge Mittelchen, die die Deutschen futtern wie die Weltmeister. Risiken und Nebenwirkungen? Egal. Ärzte und Pharma-Industrie profitieren gleichermaßen von den durch geschickte Kampagnen eingebläuten Krankheiten. Leider werden dabei oft auch die Grenzen zwischen Medizin und Pillendrehern verwischt. Doch wo fängt Krankheit an und wo hört Gesundheit auf? Was der eine Arzt als erhöhten Blutdruck oder gefährliches Cholesterin betrachtet, tut der andere als noch tolerable Zivilisationskrankheit ab. Zwei Ärzte, drei Meinungen. Das verunsichert die Patienten. Es gibt keinen Arzt des Vertrauens mehr, wie früher den klassischen Hausarzt. Passt dem "Kunden” die Diagnose nicht oder bekommt er nicht das gewünschte Medikament, das vom Internetdoktor empfohlen wurde, wechselt er eben die Praxis. Patienten haben ein enormes Anspruchsdenken, jedes Zipperlein muss behandelt werden, so wie es die Pharma-Industrie ihnen vorgaukelt. Und Ärzte verdienen sich mit Anti-Aging oder Ernährungsberatung ein Zubrot. All das zusammen führt tatsächlich zu erfundenen Krankheiten. b.wientjes@volksfreund.de