Arbeitgeber fordern Rente mit 70

Arbeitgeber fordern Rente mit 70

Unternehmer in Rheinland-Pfalz kritisieren die Absagen der Kanzlerin und ihres Herausforderers an längere Lebensarbeitszeit.

Trier Niemand hat die Absicht, die Rente mit 70 einzuführen. So kann man die Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im Fernsehduell vorigen Sonntag zusammenfassen. "Wir werden sicher nicht bis 70 arbeiten müssen", sagte Merkel und erntete Zustimmung bei Schulz. Doch der Herausforderer scheint der Kanzlerin nicht zu trauen und sah in der Aussage zur Rente mit 70 ein ähnliches Versprechen wie zur PKW-Maut, der die Kanzlerin im Fernsehduell vor vier Jahren eine Absage erteilt hatte. Bekanntlich hat die Regierung die Maut beschlossen.
Dass die Menschen in Deutschland länger arbeiten müssen, davon sind die Arbeitgeber überzeugt. Bis 2030 wird das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Das ist bereits beschlossen. Und bis dahin sehen Rentenexperten und Unternehmer auch keinen Handlungsbedarf. Aber dann gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in Rente - bei gleichzeitig sinkender Zahl der Beitragszahler. Hinzu kommt eine längere Lebenserwartung der künftigen Rentner.
"Eine steigende Lebenserwartung macht zwingend einen späteren Renteneintritt notwendig", sagt Gerhard F. Braun, Präsident der Landesvereinigung der Unternehmerverbände. Das Rentensystem kenne nur drei Stellschrauben: die Beitragshöhe, die Rentenhöhe und die Regelaltersgrenze. Braun: "Lediglich eine dieser Stellschrauben von jeder weiteren Änderung auszunehmen verlagert den Druck komplett auf die beiden anderen."
Auch bei der Trierer Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht man keine Alternative zu längeren Lebensarbeitszeiten: "Damit sich die regionalen Unternehmen trotz Fachkräftelücken auch künftig gut entwickeln und ihre Aufträge erfüllen können, ist es wichtig, auch die Potenziale älterer Mitarbeiter zu nutzen", sagt Martina Becker, Expertin für Fachkräfte bei der IHK. Bereits jetzt beschäftigten zahlreiche Unternehmen in der Region mehr ältere Mitarbeiter, um so die fehlenden Fachkräfte auszugleichen. 43 Prozent der 55- bis 64-Jährigen im Bezirk der Arbeitsagentur Trier seien 2016 in Arbeit gewesen. "Das waren 19 Prozent aller Beschäftigten", so Becker.
Den Chef des rheinland-pfälzischen Gewerkschaftsbundes, Dietmar Muscheid, macht die Diskussion über die Rente mit 70 wütend. "Eine solche Forderung ist Ausdruck politischer Einfältigkeit", sagt er unserer Zeitung. "Schon heute erreichen die meisten Menschen das Renteneintrittsalter von 65 Jahren nicht in Arbeit und nicht aus einer Vollzeitstelle heraus." Statt die Lebensarbeitszeit zu verlängern, sollte die gesetzliche Rente "auf breitere Füße" gestellt werden und zum Beispiel auch Selbstständige miteinbezogen werden.
Eine Absage an die Rente mit 70 komme einer Rentenabsenkung bei gleichzeitig steigenden Beiträgen gleich, sagt Braun. Jetzt müsse aber erst mal die Regelaltersgrenze von 67 Jahren erreicht werden. Braun: "Die dann verantwortlichen Politiker werden sich nicht mehr an die im Wahlkampf 2017 getroffenen Versprechen halten. Vermutlich werden sie sie nicht einmal mehr kennen. Und das ist auch gut so."Extra: ZAHL DER BEITRAGSZAHLER IN DER REGION GEHT ZURÜCK


Laut Deutscher Rentenversicherung Rheinland-Pfalz liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter im Land bei den Männern bei 63,9, bei den Frauen bei 67 Jahren. Grund dafür ist die 2014 eingeführte Mütterrente, die viele Frauen über 65 Jahre erstmals beantragt haben. Im Jahr 2014 kamen in Rheinland-Pfalz 2,5 Millionen Beitragszahler auf 778 302 Altersrentner. In der Region waren es 317 556 Beitragszahler auf 93 893 Altersrentner. Die Zahl der Erwerbstätigen und damit der Beitragszahler wird laut Statistischem Landesamt jedoch deutlich zurückgehen. In der Altersgruppe von 20 bis 65 Jahren wird sie bis 2035 um 17 Prozent auf 1,68 Millionen sinken. Bis 2060 werde die Zahl der Erwerbstätigen sogar 30 Prozent zurückgehen. In der Region Trier beträgt der Rückgang laut den Statistikern 13 beziehungsweise 27 Prozent.

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