Armut ist die Seuche

Nur zehn Prozent der Aids-Infizierten in Afrika wissen von ihrer Erkrankung. Da Sexualität ein Tabuthema ist, verschweigt der Großteil dieser zehn Prozent die Infektion - oft auch vor der eigenen Familie und dem Ehepartner.

Selbst diejenigen, die ihre Krankheit kennen und auch einer Beratung und Therapie gegenüber aufgeschlossen wären, haben in den meisten Fällen andere Sorgen. Es gibt unzählige Kriege und ethnische Konflikte, Gewalt bestimmt den Alltag. Wer täglich Angst vor Gewehrkugeln oder dem Tod durch Messer, Machete oder Flammenwerfer haben muss, schiebt seine Infektion in den Hintergrund. Auch Frauen, die gezwungen sind, ihre Körper zu verkaufen, um ihre Kinder vor dem Hungertod zu retten, interessieren sich kaum noch für die Ansteckungsgefahr. Aids in Afrika wird vor allem durch die allgegenwärtige Armut begünstigt. Mangelhafte Hygiene, eine kaum vorhandene medizinische Versorgung und ein quasi nicht existierendes Bildungssystem definieren das Buchstabenkürzel Aids neu: Armut ist die Seuche. Das Problem ist bekannt. Das Informationszeitalter macht es unmöglich, sich dem Thema Aids zu verschließen. Dennoch bleibt die tödliche Immunschwäche für viele Menschen eine Bedrohung, von der sie sich körperlich wie mental fern halten wollen. Doch diese Distanz sollte sich auf die Vermeidung einer Ansteckung beschränken. Auch der nicht infizierte, sich stets schützende und den Risikogruppen fern bleibende Mitteleuropäer kann dieses Thema nicht ignorieren. Das ist die Botschaft, die momentan von der katholischen Kirche ausgesandt wird - der Kirche, die zwar zu einem Viertel die weltweiten Programme gegen Aids bestreitet, aber die Benutzung von Kondomen weiterhin ablehnt. Auch wenn das Kondom-Verbot vollkommen inakzeptabel bleibt: Generell ist die Initiative von Christen im Bistum Trier dringend notwendig. Sie verdient Unterstützung, denn sie erinnert deutlich an jene andere Welt, in der täglich Tausende an Aids sterben. Und dieser Alarmruf ist sinnvoll, denn aus der durch ihn provozierten Betroffenheit können Engagement und Hilfsbereitschaft entstehen. j.pistorius@volksfreund.de