Armut und Gerechtigkeit

Das Proletariat verschwindet mit der einfachen Industriearbeit, es kommt das "Prekariat". So bezeichnet die Sozialforschung die neue Unterschicht, die geprägt ist von prekären Arbeitsverhältnissen - Teilzeitarbeit, Schwarzarbeit, Praktika, Hartz IV.

6,5 Millionen Deutsche leben so, vier Prozent im Westen, 20 Prozent im Osten. Diese Zahlen erschüttern den Glauben, die alleinige Orientierung auf Wachstum und Leistung werde die soziale Frage quasi nebenbei lösen. Das war in der Tat eine Lebenslüge, wie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sagte. Für Un- und Angelernte wird es auch in Zukunft kaum Arbeit geben, für Menschen mit Problemen nicht, für Ältere nicht, für Migrantenkinder nicht. Der Verlust jeder Perspektive ist der Grund dafür, dass sich dieses Prekariat in seiner Hoffnungslosigkeit einrichtet, auch kulturell. Alkoholkonsum, Trash-Fernsehen, Ausländerfeindlichkeit und familiäre Vernachlässigung sind die Begleiterscheinungen. SPD-Chef Kurt Beck hat richtig erkannt, dass der Staat eingreifen muss, wenn schon Kinder als Berufswunsch angeben, sie wollten "Hartz IV" werden. Es ist mehr als platt, wie SPD-Linke und Gewerkschaften versuchen, das Problem auf die Arbeitsmarktreformen zurückzuführen. Hartz IV ist, jedenfalls der Idee nach, um vieles besser als die frühere Sozial- und Arbeitslosenhilfe. Ebenso reflexhaft ist die Forderung von Unionsseite, noch mehr Druck auf die Arbeitslosen auszuüben. Das Prinzip Fordern und Fördern kommt an Grenzen, wo es keine Arbeit gibt und der Staat keine Arbeitsgelegenheiten schafft. Was einzig hilft, ist mehr Gerechtigkeit und soziale Durchlässigkeit. Nur der Staat kann wenigstens den Kindern der Verarmten bessere Lebenschancen eröffnen, nur er kann sie für die Zukunft begeistern, wenn die Eltern es nicht mehr tun. Dazu muss er mehr für Bildung und Betreuung ausgeben als bisher, viel mehr. Und nur der Staat kann die Kluft zwischen Oben und Unten mildern, die die Hoffnungslosigkeit zusätzlich nährt. Die neue Armutsdebatte kann nur zu einer Lösung führen, wenn sie zugleich eine Debatte um mehr Gerechtigkeit ist. nachrichten.red@volksfreund.de