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Atomenergie hat in Deutschland keine Basis mehr

Atomenergie hat in Deutschland keine Basis mehr

Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls in einem Atomkraftwerk ist gering, sagt Lars Draack, Professor für Technische Sicherheit an der Fachhochschule Trier. Kommt es zur Katastrophe, hat dies aber weitreichende Folgen für die Menschen, schreibt er in einem Gastbeitrag.

Der Betrieb eines Kernkraftwerkes ist nicht frei von Risiken für die Bevölkerung und die Umwelt. Hierbei liegt das Hauptrisiko darin, dass beim Betrieb des Kernkraftwerkes radioaktive Strahlung durch die Spaltung von Atomkernen entsteht. Gastbeitrag

Diese Radioaktivität kann den Menschen gesundheitlich schädigen. Somit ist es die zentrale Aufgabe beim Betrieb eines Kernkraftwerkes, diese radioaktive Strahlung im Kraftwerk sicher einzuschließen. Der Unfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima hat auch ein zweites Problem in das öffentliche Bewusstsein gerückt: Ein im Betrieb befindlicher Reaktor kann nicht kurzfristig restlos abgeschaltet werden. Im Reaktor wird auch noch nach dem Abschalten für eine längere Zeit Wärme, die sogenannte Nachwärme, erzeugt, die immer noch sicher abgeführt werden muss. Dieses Problem war der Öffentlichkeit im Gegensatz zur Fachwelt weitgehend unbekannt. Aus diesen beiden Problemen ergeben sich also an die Betreiber von Kernkraftwerken zwei zentrale Anforderungen:Sicherer Einschluss der radioaktiven Stoffe in allen Phasen des Reaktorbetriebes und jederzeitige Gewährleistung einer ausreichenden Kühlung des Reaktors.Der für die Kernspaltung eingesetzte Kernbrennstoff aus Uran wird in Tablettenform, den sogenannten Pellets, in den Brennstäben eingeschlossen. Diese Brennstäbe bestehen aus einer Hülle aus einer Zirkoniumlegierung. Diese ist sehr fest und stabil und kann außerdem gasdicht verschweißt werden. Somit werden die bei der Kernspaltung entstehenden radioaktiven Stoffe in diesem Brennstab eingeschlossen und verbleiben dort. Werden diese Brennstäbe beschädigt, zum Beispiel durch Korrosion oder wie im Reaktor von Fukushima durch Schmelzen in Folge der Überhitzung durch den Ausfall des kompletten Kühlsystems, wird die Radioaktivität an die Umgebung abgegeben. Dieses ist im Allgemeinen das die Brennstäbe umgebende Kühlwasser. Ein Kernkraftwerk muss immer so ausgelegt werden, dass das Schmelzen des Reaktorkernes verhindert wird. Schmelzen die Brennstäbe, so können große Mengen an Radioaktivität in die Umwelt gelangen, in dem sich die heiße Schmelze des Reaktorkernes durch die Sicherheitsbarrieren eines Kernkraftwerkes in die Umwelt "durchfrisst". Dieses wird im normalen Betrieb eines Kernkraftwerkes durch das Kühlsystem gewährleistet. Für den Fall, dass das Kühlsystem ausfällt, zum Beispiel durch Stromausfall, ist ein Notkühlsystem mit einer Notstromversorgung vorhanden. Im Fall des Reaktors von Fukushima fiel die reguläre Stromversorgung durch das schwere Erdbeben vor der japanischen Küste aus. Dort sind auch die Notstromaggregate angesprungen. In Folge der durch das Erdbeben ausgelösten anschließenden Flutwelle fiel auch die Notstromversorgung des Kernreaktors aus. Infolgedessen kam es zu einer anhaltenden Überhitzung der Reaktorbrennstäbe. Hierdurch wurden die Brennstäbe undicht und das radioaktive Inventar wurde freigesetzt. In Folge der fehlenden Kühlung wurde auch ein Teil des Kühlwassers aufgespalten in Wasserstoffgas und Sauerstoff. Diese hochexplosive Mischung (das sogenannte "Knallgas") explodierte dann unter Beschädigung des gesamten Reaktorgebäudes. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls ist sicherlich sehr klein. Schließlich gibt es umfangreiche Sicherheitsbarrieren, eine mehrfach abgesicherte Notstromversorgung und auch eine regelmäßige Wartung und Kontrollen der Anlagen (auch wenn letztere im Fall von Fukushima vernachlässigt wurde). Und die Praxis zeigt es auch, dass es nur sehr weinige schwere Reaktorunfälle gibt. Betrachtet man jetzt aber noch die mögliche Schadensschwere eines Unfalls, so zeigt sich, dass ein schwerer Reaktorunfall katastrophale Folgen für die Menschen und Umwelt haben kann. Schließlich sind sowohl die Umgebung von Tschernobyl als auch von Fukushima großflächig für Menschen unbewohnbar. Die Frage, ob ein Risiko akzeptabel ist, ist nicht nur eine technische, sondern insbesondere auch eine gesellschaftliche Frage. Es erfordert eine gesellschaftliche Antwort, ob das Restrisiko eines Kernkraftwerkes akzeptabel ist. Es hat aktuell den Anschein, dass die bundesdeutsche Öffentlichkeit dieses Restrisiko entschieden ablehnt. Somit verliert die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ihre gesellschaftliche Basis - anders als in verschiedenen anderen Ländern der Welt.Lars Draack, geboren 1971 in Lübeck, arbeitete zunächst in der Industrie, seit Januar 2011 Professor "Technische Sicherheit, Arbeitssicherheit, Brand- und Explosionsschutz" an der FH Trier.