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"Atomkraftwerke sind wie Dinosaurier: Zu groß, zu langsam, zu schwerfällig"

"Atomkraftwerke sind wie Dinosaurier: Zu groß, zu langsam, zu schwerfällig"

Atomkraft hat nach der Katastrophe von Fukushima keine Zukunft mehr. Das sagt der renommierte Atomexperte Mycle Schneider im TV-Interview. Auch in Frankreich wachse der Widerstand gegen die Kernenergie.

Trier. In Zukunft hat jeder Hausbesitzer eine Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung auf dem Dach, und jedes Dorf produziert seinen eigenen Strom. Über diese Vision und die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima sprach unser Redakteur Bernd Wientjes mit dem in Frankreich lebenden deutschen Nuklearexperten Mycle Schneider.
Herr Schneider, wie hat Fukushima in diesem Jahr die Welt verändert?
Schneider: Fukushima hat in vielen Ländern einen gravierenden Einschnitt gebracht, vor allem in Japan. Es hat erhebliche Auswirkungen auf die öffentliche Meinung gehabt. Ein Viertel der in 24 Ländern befragten Menschen, die jetzt der Kernkraft kritisch gegenüberstehen, sind erst nach der Katastrophe von Fukushima zu dieser Meinung gekommen.
Trotzdem hat man den Eindruck, dass dieses Umdenken noch längst nicht bei den Regierungen aller Länder angekommen ist.
Schneider: Atomkraft war bereits vor Fukushima auf dem absteigenden Ast. Den historischen Höchststand hatten wir 2002 mit 444 laufenden Atomkraftwerken. Heute sind davon noch 427 übrig. In der EU gibt es 34 Anlagen weniger als Ende der 1980er Jahre. Das ist eine eindeutige Tendenz, die durch Fukushima nur beschleunigt wird.
Nur Frankreich scheint davon unbeeindruckt zu sein.
Schneider: Frankreich ist ohne Zweifel das Atomland Nummer eins in Europa. Aber auch dort haben sich mehr als drei Viertel der Bevölkerung für einen Atom-ausstieg ausgesprochen.
Man hat aber eher den Eindruck, dass fast die gesamte Bevölkerung in Frankreich für Atomkraft ist.
Schneider: Das ist Teil des Mythos. Es war nie so, dass alle Franzosen hinter der Atomkraft gestanden haben. Bereits vor Fukushima gab es ein Patt zwischen Befürwortern und Gegnern. Mit der Katastrophe im März in Fukushima ist aber auch in Frankreich der Glaube an die sichere Atomkraft endgültig in die Luft geflogen.
Es spricht also vieles dafür, dass bei einem Wahlsieg der Sozialisten im nächsten Jahr der Atomausstieg in Frankreich beginnt?
Schneider: Bislang gab es zwischen den großen Parteien einen politischen Konsens über die Atompolitik. Den gibt es jetzt nicht mehr. Die Sozialisten haben sich eindeutig für einen Ausstieg ausgesprochen. Gemeinsam mit den französischen Grünen wollen sie 24 Reaktoren bis 2025 vom Netz holen, das ist immerhin fast die Hälfte der Anlagen.
Gehört Cattenom dazu?
Schneider: Man kann keine Hitliste der gefährlichsten Atomkraftwerke erstellen. In Cattenom gab es Hunderte von zum Teil auch sehr beunruhigenden Zwischenfällen. Wären einige davon zusammen aufgetreten, hätte das durchaus zu schwerwiegenden Unfällen führen können. Wenn es aber um die Wahrscheinlichkeit des Abschaltens geht, dann stehen in Frankreich andere, ältere Reaktoren wie der im elsässischen Fessenheim weiter oben auf der Liste als Cattenom.
Sie halten es also eher für unwahrscheinlich, dass Cattenom auf absehbare Zeit vom Netz geht?
Schneider: Die Sicherheit der Anlagen darf nicht nur nach dem Alter der Anlagen bewertet werden. Bei Cattenom muss betrachtet werden, dass die Bevölkerungsdichte rund um die Anlage besonders hoch ist. Der erste Atomsicherheitsbeauftragte in Frankreich ist wegen Cattenom zurückgetreten. Er hielt es wegen der hohen Bevölkerungsdichte für unverantwortlich, dort ein Atomkraftwerk zu bauen.
Abgesehen von der Gefahr: Ist Atomkraft noch zukunftsfähig?
Schneider: Die Atomkraft ist technisch, wirtschaftlich und energiepolitisch am Ende angelangt. Sie ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Man kann das gut mit den Dinosauriern vergleichen. Atomkraft passt nicht mehr in die heutige Landschaft von Energietechnologien. Sie ist zu groß, zu langsam, zu schwerfällig, zu unflexibel.
Wie wird denn dann die Stromversorgung der Zukunft aussehen?
Schneider: Sie wird nicht mehr zentral durch Kraftwerke erfolgen. Man braucht auch keine neuen Kohlekraftwerke. Es wird vor allem mehr dezentrale öffentliche und private Stromerzeuger geben. In Deutschland investieren bereits jetzt die privaten Haushalte mehr Geld in die Stromerzeugung als die großen Konzerne.
Wie lange wird es dauern, bis Ihre Vision Wirklichkeit ist?
Schneider: Ich befürchte schon, dass das noch sehr lange dauern könnte. Aber es gibt keine andere Wahl. Es muss ein Umdenken stattfinden - hin zu dezentralen Energiesystemen in Städten und Regionen. An dem Punkt sehe ich übrigens auch eine Chance für die Grenzregion rund um Trier. Dort könnte durchaus ein grenzüberschreitendes System von miteinander verknüpften Mikronetzen - wie das Internet, nur für Strom, Wärme und Gas - aufgebaut werden.Extra

Mycle Schneider (52, Foto: privat) ist selbstständgier Atompolitik-Berater in Paris. Geboren wurde er in Köln, seine Eltern stammen aus dem Hunsrück. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis für den Einsatz gegen Plutonium. Schneider wird am heutigen Klimagipfel des Vereins Lokale Agenda 21 an der Universität Trier teilnehmen. wie