Auch Millionen Dollar lindern nicht die Schmerzen

Auch Millionen Dollar lindern nicht die Schmerzen

NEW YORK. Drei Jahre nach den 9/11-Terroranschlägen: Fast alle Familien der Opfer sind entschädigt worden - doch ein Schlussstrich ist dies noch lange nicht.

Die Hälfte von ihnen findet auch heute noch keinen richtigen Schlaf. Die wenigsten wagen, ein Flugzeug zu besteigen. Jeder dritte hat den Job gewechselt oder aufgehört zu arbeiten. Und fast alle erhielten, wie jetzt eine Umfrage ergab, Zuspruch von einem Psychotherapeuten oder Geistlichen. Drei Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 liegen die Wunden, die diese Ereignisse bei den Angehörigen der offiziell 2976 Opfer gerissen haben, immer noch weit offen. Doch zumindest finanziell sind 97 Prozent der betroffenen Familien abgesichert worden: Sie alle haben Schecks aus dem staatlichen Entschädigungsfonds erhalten, den der US-Kongress kurz nach den Attacken geschaffen hatte und in den insgesamt 6,9 Milliarden Dollar geflossen waren. Die Durchschnitts-Zahlung pro Todesfall betrug 2,1 Millionen Dollar, wobei sich die Höhe der Hilfsgelder nach dem Jahreseinkommen der getöteten Person und der Zahl der Kinder richtete. Dieses Verfahren war nicht unumstritten, weil es zu teilweise dramatischen Unterschieden kam. So erhielten die Verwandten eines 65-jährigen, unverheirateten Kellners aus dem Restaurant "Windows on the World" 300 000 Dollar, während die Ehefrau und zwei Kinder eines gutverdienenden Anleihen-Händlers mit 4,35 Millionen Dollar entschädigt wurden. Aus diesen scheinbaren Ungerechtigkeiten resultiere noch heute böses Blut, sagt beispielsweise William Wilson, dessen Frau Cynthia im World Trade Center starb. "Viele glauben, wir sollten als Millionäre nun aufhören zu jammern. Schließlich gehe das Leben für uns mit Reichtum weiter", sagt Wilson. "Doch was wirklich in uns vorgeht, begreift keiner." Nicht jeder hat das Angebot des Entschädigungsfonds akzeptiert und - als Zahlungsbedingung - auf juristische Schritte gegen amerikanische Unternehmen und US-Behörden verzichtet. Mindestens einhundert Klagen laufen derzeit vor Gerichten. Eingereicht von Angehörigen, die für Schmerz und Schäden kompensiert werden wollen. Oder einfach nur eine Antwort darauf suchen, wer neben den Terroristen für die Attacken Verantwortung trägt. "Unsere Klienten sind so erschüttert angesichts des eklatanten Versagens der Sicherheitsbehörden, dass sie neben einer Abfindung auch Klarheit in der Schuldfrage wollen", sagt Marc Moller von der New Yorker Anwaltsfirma Kreidler & Kreidler, die vor allem Hinterbliebene jener Menschen vertritt, die an Bord der vier gekaperten Flugzeuge ums Leben kamen. Im Visier der Juristen befinden sich dabei nicht nur die Fluggesellschaften United und American Airlines, sondern auch die Luftfahrt-Sicherheitsbehörde FAA und die Flughäfen, an denen die Hijacker unbehelligt mit ihren Waffen an Bord gingen.Kapitel 9/11 noch längst nicht beendet

Doch auch Prozesse auf anderen Ebenen belegen, dass das Kapitel 9/11 für viele Betroffene noch längst nicht abgeschlossen ist. So streitet die geschiedene Frau eines Opfers seit Monaten mit der Schwester des getöteten Mannes darüber, wo die sterblichen Überreste - gefunden wurde lediglich ein Kieferknochen - bestattet werden sollen. Bei einem anderen Verfahren geht es darum, wem der Millionen-Scheck aus dem staatlichen Fonds zusteht: Der lesbischen Lebenspartnerin der Verstorbenen oder deren Bruder. In einem dritten Prozess werfen die Witwen mehrerer Feuerwehrleute dem Hersteller von Funkgeräten vor, die Apparate seien für Katastrophensituationen ungeeignet gewesen und hätten zu fataler Misskommunikation geführt. Bis diese und weitere Fragen von den Gerichten geklärt sind, werden vermutlich noch Jahre vergehen, schätzt die New Yorker Familien-Anwältin Debra Steinberg. Und: "Selbst wenn irgendwann Geld fließt, wird doch dadurch der Schmerz des Verlustes nicht gelindert."