Aufbruch Ost

Hochschulen und Ausbildungsplätze locken immer mehr junge Menschen nach Leipzig, Potsdam oder Jena. Doch Experten warnen. "Blühende Landschaften", wie einst von Helmut Kohl versprochen, gebe es nur in den Städten.

Berlin. Die jahrzehntelange Abwanderung aus den neuen Bundesländern ist gestoppt. Seit 2012 ziehen sogar mehr Menschen in den Osten als umgekehrt von dort weg. Allerdings profitiert davon nur gut jede sechste Kommune. Der große Rest schrumpft weiter.
Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor, die gestern vorgestellt wurde. Wer sich Jena, Potsdam oder Leipzig anschaut, der wird neidlos feststellen, dass es sich dort gut leben lässt. Nicht nur wegen der herausgeputzten Fassaden. Auch die Beschäftigungssituation kann sich sehen lassen. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Seit der Wende hat der Osten rund 1,8 Millionen Einwohner verloren. Insbesondere wegen der Suche nach Arbeit kehrten vor allem jüngere Menschen ihrer Heimat den Rücken. Auch die großen Kommunen litten allesamt unter Leerstand. Doch dieses Bild hat sich inzwischen stark gewandelt. Gerade Jüngere, die einen Ausbildungs- oder Studienplatz suchen, zieht es vermehrt in die ostdeutschen Metropolen. Auch junge Menschen aus den alten Bundesländern, weil die Lebenshaltungshaltungskosten noch vergleichsweise günstig sind.Der Nachwuchs fehlt


Der Bevölkerungsforscher und Leiter des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, spricht gar von einer "wesentlichen Trendwende". Weil sich in den Städten der Arbeitsmarkt verbessert habe, blieben viele auch nach ihrer Ausbildung dort.
Diese erfreuliche Entwicklung hat allerdings eine Kehrseite. Nur etwa 15 Prozent der Kommunen profitieren. 85 Prozent sind laut der Studie, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums entstand, weiterhin mit mehr Ab- als Zuwanderung konfrontiert. "Mittlerweile gibt es tatsächlich blühende Landschaften, aber in den Städten, nicht auf dem Land", sagt Klingholz. Dabei blieb die besonders stark wachsende Hauptstadt Berlin in der Untersuchung unberücksichtigt, um das Gesamtbild nicht zu verzerren.
Das Problem im Osten: Parallel zur massiven Abwanderung bis noch vor wenigen Jahren verzeichnete dieser einen starken Geburtenknick. Klingholz spricht von einer "halbierten Nachwuchsgeneration". Diese Lücke ist praktisch kaum mehr zu schließen. Auch nicht durch eine verstärkte Binnenwanderung. "Wer das Schrumpfen abmildern will, der muss auf Zuwanderung setzen", erklärt die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke. Dafür sei aber auch eine "Willkommenskultur" nötig, mahnt die SPD-Politikerin vor dem Hintergrund ausländerfeindlicher Umtriebe gerade in den neuen Ländern.

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