Aufrecht bis zuletzt

Washington. Am Tag nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld infolge der für die Republikaner verlorenen Kongresswahl herrschte in Washington Erleichterung. Die Amerikaner hoffen nun auf einen neuen Kurs. Nur: Wie der – vor allem im Irak-Krieg – aussehen soll, weiß noch niemand.

Noch an seinem letzten Arbeitstag im Pentagon tat Donald Rumsfeld so, als sei die Welt in Ordnung. Lage-Besprechung mit engen Mitarbeitern und hohen Offizieren um 11 Uhr morgens - und kein Wort vom bereits beschlossenen Ausscheiden aus dem Amt. George W. Bush hatte seinen braven "Parteisoldaten" um Schweigen gebeten - und Rumsfeld hielt sich an die Bitte mit eiserner Disziplin. Jene Disziplin, die dem 74-jährigen Raubein auch den Ruf von fast unmenschlicher Kühle und Zynismus beschert hatte - eine Meinung, die sich noch verhärtete, nachdem der Chef-Architekt des Irak-Krieges in einer Hausmitteilung zum Umgang mit Terrorverdächtigen auf Guantanamo schrieb: "Warum lässt man die Gefangenen nicht länger stehen? Ich stehe schließlich auch stundenlang an meinem Stehpult." Aufrecht bis zuletzt, jede Kritikwelle an ihm abprallend - so gab der dienstälteste Minister im Bush-Kabinett bis zuletzt den Fels in der Brandung. Zweifel seiner Generäle an der Kriegstaktik im Irak nahm er zur Kenntnis, doch seine Meinungen vermochten die Experten vor Ort nicht zu ändern - und auch das Weiße Haus, so kolportiert man jetzt in Washington, erfuhr von den internen Querelen oft nichts oder nur sehr spät. Dies trug zur Entscheidung Bushs bei, Rumsfeld zu opfern - aber mit diesem dramatischen Schritt bis nach der Wahl zu warten. Die Erleichterung in Washington am Tag eins nach dem politischen Erdbeben war gestern mit Händen zu greifen. "Endlich eine Chance auf Veränderungen" , sagte der Demokrat und hochdekorierte Kriegs-Veteran John Murtha, der seit Monaten den Kopf Rumsfelds gefordert hatte. "Jeder wusste doch, dass es unter ihm keine Wende zum Guten geben würde." Hillary Clinton, die nun als eine der chancenreichsten Kandidaten für die Bush-Nachfolge gilt, assistierte: "Es war die richtige Entscheidung. Jetzt haben wir einen lange überfälligen Neuanfang."Kann Gates den Krieg noch wenden?

Doch gleichzeitig lautet die wohl meistformulierte Frage in der Regierungshauptstadt: Kann der frühere CIA-Direktor Gates als Rumsfeld-Nachfolger den Krieg im Irak noch retten? Bush jedenfalls verkündete am Mittwoch bereits vollmundig, Gates werde "eine frische Perspektive während einer kritischen Phase des Krieges" einbringen. Als Vorteil von Gates gilt unter anderem, dass er - anders als Rumsfeld - als "nicht-ideologisch" und als guter Zuhörer gilt. Dem neuen designierten Verteidigungsminister bleibt dabei nicht viel Zeit. Der Demokrat Jack Reed, Mitglied des Streitkräfte-Ausschusses im US-Kongress, kündigte gestern bereits an, er werde von Gates während des notwendigen Bestätigungsverfahrens auf dem Kapitol "eine Beschreibung des neuen Plans" der Regierung fordern. Auch die neue Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi fordert eine "neue Richtung", ohne allerdings selbst konkrete Vorschläge zu machen. Bestandteile einer künftigen, immer noch verzweifelt gesuchten neuen Strategie machten gestern bereits in Washington und im Pentagon die Runde: Mehr Trainingsteams für die irakischen Sicherheitskräfte - und ein verstärkter Abzug der derzeit 133 000 US-Soldaten aus den Frontlinien und damit dem Schussfeld der Extremisten, um diese Truppen dann zu einer Art "schnellen Eingreiftruppe" oder "Feuerwehr" zu machen. Und das Festschreiben von neuen, verbindlichen Terminen, zu denen die Iraker unwiderruflich für die Sicherheit in bestimmten Regionen selbst verantwortlich zeichnen müssen. Reed und andere Demokraten, die gestern auch den endgültig feststehenden Gewinn des Senats bejubelten, wollen zudem vom neuen Pentagon-Chef fordern, dass die irakische Regierung künftig wesentlich aggressiver gegenüber den Milizen zu Felde zieht - die Nachsicht von Iraks Premier Al-Maliki mit radikalen Schiiten-Gruppen war zuletzt auch vielen US-Oppositionspolitikern ein Dorn im Auge. Doch das letzte Wort wird immer noch im Weißen Haus gesprochen. Und George W. Bush hatte bei der Abschiedsrunde mit Rumsfeld erneut die hinlänglich bekannten Phrasen zu Protokoll gegeben: Man müsse in der Offensive bleiben, "unsere Truppen müssen siegreich zurückkehren." Damit scheint klar: Ein schneller und massiver Abzug kommt für den Texaner weiter nicht in Frage. Viel neuen Handlungs-Spielraum wird auch der Familienfreund und gelernte Geheimdienstler Gates nicht haben, der sich zunächst einmal den stark divergierenden Ideen der Generäle vor Ort auf der einen Seite und der Pentagon-Bürokraten daheim ausgesetzt sehen wird. Damit wird klar, dass ein neues Gesicht allein noch keine Wende zum Guten garantiert - ein Umstand, der auch den frisch gestärkten Demokraten klar ist. "Der Schlüssel zum Erfolg im Irak ist ein Wechsel der Strategie", meint der Sprecher der Demokraten im Irak, Harry Reid. Doch wie ein wirksamer neuer Kurs aussehen soll, scheint auch Reid nicht zu wissen - ein Schicksal, das er derzeit mit Politikern aller Couleur in Washington teilt.