Augen zu und durch

Die Ereignisse im Vorfeld der Terroranschläge des 11. September 2001 und die derzeitige hochdramatische Lage im Irak weisen einen verbindenden roten Faden auf, der bezeichnend ist für die Regierung des George W. Bush: Es ist die Unfähigkeit, Fehler und Fehleinschätzungen offen einzugestehen und die Tendenz, fatale Entscheidungen selbst dann noch zu verteidigen, wenn die Realität sie ad absurdum geführt hat.

Denn legt man die mit Spannung verfolgte Aussage von Bushs Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice vor der US-Kommission zu den Terrorattacken zugrunde, so hat sich ihre neun Monate vor den Anschlägen ins Amt gewählte Administration so gut wie tadellos verhalten. Man habe El Kaida ernst genommen, sei nicht von Themen wie dem Weltraum-Raketenschutzschild oder einer Absetzung Saddam Husseins besessen gewesen und hätte beim besten Willen die Terrorakte nicht verhindern können. Kurzum: Vorwürfe sind nicht angebracht. Doch die Aussagen von Ex-Terrorberater Richard Clarke und brisante Sitzungsprotokolle sprechen eine ganz andere Sprache: Es gab klare Hinweise auf eine umfangreiche Aktion gegen die USA. Ein solches "Augen zu und durch”-Verhalten der Bush-Krieger findet sich nun wiederum beim Irak-Dilemma, wo - nimmt man die Eskalation der Gewalt und ersten Geiselnahmen ausländischer Zivilisten zum Maßstab - bald weiteren Mitgliedern der ohnehin kleinen "Koalition der Willigen” die Lust zum weiteren Engagement vergehen dürfte. Die explosive Lage fordert die radikale Neubewertung des bisherigen Irak-Politik des Weißen Hauses heraus. Doch Ansätze zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme sind bisher nicht erkennbar. Im November dieses Jahres wird ein neuer Präsident gewählt, und diesem Termin hat sich jeder politische Aspekt unter zu ordnen. Die Arroganz, mit der man in Washington den Ernst der Situation herunter spielt, ist mittlerweile beängstigend - doch bezeichnend für eine Regierung, in dessen Planspielen offenbar Fehlentwicklungen und ein Versagen der eigenen Strategie keinen Platz haben. nachrichten.red@volksfreund.de