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Umwelt: Aus dem Hahn statt aus der Flasche: EU will Nutzung von Leitungswasser stärker bewerben

Umwelt : Aus dem Hahn statt aus der Flasche: EU will Nutzung von Leitungswasser stärker bewerben

Die EU will die Bürger dazu bewegen, künftig weniger Wasser aus dem Plastikgebinde zu trinken.

Die EU-Kommission will den Bürgern das Leitungswasser schmackhafter machen. Ein höheres Vertrauen in das Wasser aus der Leitung könne zu einer Verringerung des Verbrauchs von abgefülltem Wasser in Glas- und Plastikbehältern führen. Dies sei erwünscht, weil dann weniger Müll in der Umwelt lande. Leere Getränkeflaschen zählten an vielen Stränden in der EU zu den am häufigsten gefundenen Einwegprodukten aus Kunststoff.

Die Charmeoffensive für das Leitungswasser ist Teil der neuen EU-Plastikstrategie, in deren Zuge die Kommission demnächst auch Details einer Plastiksteuer vorstellen will. Schätzungen zufolge könnte ein geringerer Konsum von abgefülltem Wasser die Verbraucher um rund 600 Millionen Euro im Jahr entlasten. Die Mineralwasserindustrie hat 2017 allein in Deutschland 14,7 Milliarden Liter Mineralwasser verkauft. Der Verbrauch ist von zwölf Litern (1970) auf 149 Liter je Kopf im Jahr 2016 stark gestiegen. Die EU-Kommission verweist auch auf die geringen Kosten von Leitungswasser in der EU: – im Schnitt zwei Zehntel Cent je Liter.

Die Kommission will zudem die Mitgliedstaaten verpflichten, mehr Trinkwasserbrunnen aufzustellen. Es gebe rund 23 Millionen Menschen in der EU, die keinen geregelten Zugang zu Leitungswasser haben. Darunter sind viele Roma und Sinti in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Die Kommunen sowie die Betreiber öffentlicher Gebäude sollten angehalten werden, Zugang zu Trinkwasser zu gewähren. Kommissionsvize Frans Timmermans appelliert an die Betreiber von Restaurants und Kantinen: „Wir ermutigen die Gastronomie dazu, gratis Leitungswasser für die Gäste bereitzustellen.“ Er betont aber den freiwilligen Charakter der Kampagne: „Wir wollen keine Verhaltensänderung der Verbraucher erzwingen, wir wollen lediglich, dass sie in Zukunft noch besser über die hohe Qualität des Trinkwassers in der EU informiert sind.“

Die Branche der Mineral- und Heilwasserabfüller geht vorsichtig auf Distanz zu Brüssel: „Mit dem reinen Naturprodukt Mineralwasser ist Leitungswasser nicht vergleichbar.“ Weil Mineralwasser ein Naturprodukt sei und bleiben solle, heißt es beim Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM), „ist eine Desinfektion – anders als bei Leitungswasser – ausdrücklich untersagt.“ Die Abfüllung in Flaschen am Quellort sorge für Sicherheit und die hohe Qualität des Naturprodukts. Zur Frage, ob es in den Kompetenzbereich der Kommission falle, die Verbraucher zum Umsteigen auf Leitungswasser zu bewegen, wollte sich der Verband nicht äußern: „Unser Kerngeschäft ist natürliches Mineralwasser.“

Die Kommission will zudem die Vorschriften für die Trinkwasserversorgung in der EU, etwa im Hinblick auf Blei und Chrom, verschärfen. Sie schlägt 18 neue oder überarbeitete Kriterien für sauberes Leitungswasser vor. So soll ein besserer Schutz gegen Bakterien und Viren gewährleistet sein. Das Leitungswasser solle in Zukunft auf natürlich vorkommende, aber schädliche Stoffe wie Uran oder Mikrozystine untersucht werden. Neue Schadstoffe aus der Industrie wie perfluorierte Verbindungen sollten aus dem Trinkwasser herausgehalten werden. Die neuen Maßnahmen sollten ohnehin sehr geringe potenziell vorhandene Gesundheitsrisiken im Trinkwasser noch weiter reduzieren. Die Versorgungsunternehmen sollen zudem verpflichtet werden, die Verbraucher im Netz über das in der Region verfügbare Trinkwasser, die Kosten sowie im Leitungswasser enthaltene Mineralien wie Kalzium oder Magnesium zu informieren.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der die Wasser- und Abwasserwirtschaft vertritt, begrüßt den Vorstoß aus Brüssel: Es sei gut, wenn die Kommission die 20 Jahre alte Trinkwasserrichtlinie an neue Verunreinigungsquellen anpasse. Auch die Pläne für mehr Information des Verbrauchers seien in Ordnung. Für Deutschland gelte weiterhin: „Die Verbraucher bekommen hervorragendes Trinkwasser aus dem Hahn.“

Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber wirft dagegen der Kommission vor, ihre Kompetenzen zu überschreiten. Die Trinkwasserversorgung sei eines der Themen, die Brüssel ruhigen Gewissens den Mitgliedstaaten und Regionen überlassen könne. „Mit solchen Vorschlägen schürt die Kommission lediglich die Europaskepsis.“