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Aus der dunklen Vergangenheit für die Zukunft lernen

Aus der dunklen Vergangenheit für die Zukunft lernen

Die über 500 psychisch Kranken, die 1939 aus dem Trierer Brüderkrankenhaus abtransportiert und später vermutlich in NS-Vernichtungslagern ermordet worden sind, soll ein Gesicht bekommen. Der Hausobere der Klinik, Markus Leineweber, sagt eine Aufarbeitung des dunklen Kapitels zu.

Trier. Markus Leineweber sucht nach den richtigen, nach den angemessenen Worten. Es fällt dem Hausoberen des Trierer Brüderkrankenhauses zunächst sichtlich schwer, über das, wie er selbst sagt, "sensible Thema" zu reden: das Schicksal von 542 Nervenkranken, die vom 3. bis 11. August 1939 zwangsweise aus dem Brüderkrankenhaus abtransportiert wurden. Einen Monat, bevor Hitler anordnete, Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten sowie von Behindertenheimen umzubringen. Insgesamt 70 000 Menschen wurden Opfer dieser Eu-thanasiemorde während der NS-Zeit. Darunter vermutlich die 542 psychisch Kranken aus dem Brüderkrankenhaus genauso wie 60 geistig behinderte Männer vom Schönfelderhof in Zemmer (Trier-Saarburg), der auch damals schon zum Orden der Barmherzigen Brüder gehörte. Diese 60 Männer wurden 1941 abtransportiert. Nach dem Krieg kam nur ein Einziger von ihnen zurück.
Das Schicksal der aus Trier zunächst in andere Einrichtungen gebrachten psychisch Kranken ist weitgehend unklar. Sie seien aber wohl nicht direkt vom Brü-derkrankenhaus in Vernichtungslager transportiert worden, sagt Albert-Peter Rethmann, Referent des Vorstands der Barmherzigen-Brüder-Gruppe. Man sei an einer seriösen, aber unabhängigen Aufarbeitung der dunklen Geschichte des katholischen Ordens interessiert. Dazu soll zunächst einmal erfasst werden, welche Krankenakten aus dieser Zeit überhaupt noch existieren.
Das Brüderkrankenhaus war im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der von Ärzten während der NS-Zeit begangenen Gräueltaten in die Kritik geraten. Der Trierer Geschichtsforscher Thomas Schnitzler hat den Klinik-Verantwortlichen vorgeworfen, kein Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihres Hauses zu haben. Sie weigerten sich, entsprechende Akten herauszugeben (der TV berichtete).
Man werde sich der Vergangenheit stellen, sagt Leineweber. Die Opfer sollen ein Gesicht bekommen. Allerdings soll die Aufarbeitung nicht in Zusammenarbeit mit Schnitzler geschehen, stellen Leineweber und Rethmann klar. Man werde einen professionellen Historiker damit beauftragen.
Außer in der im Jahr 2000 erschienenen 150-Jahr-Chronik des Ordens, in der auf etwas mehr als einer Seite knapp über das Euthanasieprogramm berichtet wird, hat sich die Klinik bisher nicht mit dem Kapitel beschäftigt. Jedenfalls wissenschaftlich nicht. Anders als die ebenfalls zu den Barmherzigen Brüdern gehörende Einrichtung für psychisch Kranke in Saffig (Mayen-Koblenz), wo es eine umfassende Aufarbeitung gegeben hat. Seit November 2012 erinnern am Brüderkrankenhaus immerhin zwölf sogenannte Stolpersteine an psychisch Kranke, die aus der Klinik abtransportiert worden waren.
"Ich werde der Geschichte nur gerecht, wenn ich daraus auch einen Schluss für die heutige Zeit und die Zukunft ziehe", sagt Leineweber.
Auch heute gibt es seiner Ansicht nach Tendenzen, angeblich unwertes Leben zu selektieren. Als Beispiel nennt der Hausobere die Präimplantationsdiagnostik, bei der künstlich erzeugte Embryos vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf mögliche Erbkrankheiten und damit eventuelle Behinderungen untersucht werden. "Wir müssen uns auch heute immer wieder die Frage stellen, welchen Stellenwert behindertes und ungeborenes Leben in unserer Gesellschaft hat", sagt Leineweber. Da müsse man sensibel bleiben.
Leineweber sieht daher die Notwendigkeit, nicht nur das Schicksal der aus Trier abtransportierten Kranken zu erforschen, sondern auch, wie es dazu gekommen ist. Warum Ärzte und Pfleger überhaupt in eine solche Situation kommen konnten, die Transporte in die Wege leiten zu müssen. Dazu gehöre für ihn, welchen Einfluss das politische System und die gesellschaftliche Kultur auf die Medizin der damaligen Zeit gehabt haben. Und warum es gegen die von Ärzten verübten Gräueltaten anscheinend keinen nennenswerten Widerstand gegeben hat.
Leineweber gesteht, dass man womöglich eine Chance vertan hat, offensiver mit dem Thema umzugehen. Etwa im Rahmen der von der Trierer Bezirksärztekammer initiierten Reihe über Medizin im Dritten Reich. Trotzdem setzt er auf ein "gewisses Grundvertrauen, dass wir es ernst meinen" und dass man offen mit dem dunklen Kapitel umgehen wolle.