Aus Fremden werden Nachbarn

Vier Jahre lang haben Geografhie-Studenten unter Leitung von Peter zur Nieden untersucht, wie die Nachbarn in Trier, dem Saarland, in Luxemburg und Frankreich zueinander stehen. Mit manchmal skurrilen, aber auch oft aufbauenden Ergebnissen.

Trier. "Studie zur Wahrnehmung von Nachbarschaft" heißt das Langzeit-Werk in der formalen Wissenschafts-Sprache. "Wir wollten wissen, wie die Leute ticken", bringt Leiter Peter zur Nieden die Sache auf den Punkt.

In vier großen Befragungen hat man Bürger in Trier, Metz, Luxemburg und Saarbrücken auf ihre Interessen und Kenntnisse in Sachen Großregion abgeklopft. Das Ergebnis dürfte aber nicht nur den Stand in den vier "Quattropole"-Städte wiedergeben, sondern auch für die jeweiligen Gesamt-Regionen sprechen.

Als zur Nieden 2006 seine erste Teilstudie über Trier abschloss, wollte er eigentlich schon wieder aussteigen. "Teilweise vernichtend" seien die Resultate gewesen. Mehr als die Hälfte der Befragten schätzte die Entfernung etwa nach Metz grob falsch ein, die Begriffe "Großregion" und "Quattropole" waren weithin unbekannt. Den Weg in die saarländische und französische Nachbarschaft schlug nur jeder Fünfte in einem überschaubaren Zeitraum ein - allenfalls Luxemburg bildete da eine Ausnahme.

2007 drehten die rund 15 Studenten, die jeweils mitarbeiteten, ihre Fragerunden in Saarbrücken. Erstaunliches Ergebnis hier: Trotz der räumlichen Nähe sind die Barrieren Richtung Frankreich erstaunlich hoch. Aber auch Richtung Trier und Luxemburg sind die Saarbrücker nicht übermäßig kontaktfreudig.

2008 forschten Zurnieden und seine Truppe in Luxemburg. Klare Erkenntnis: Für die Luxemburger ist Trier eine sexy Einkaufsstadt. 70 Prozent von ihnen kennen Trier gut, in Metz sind dagegen nur 40 Prozent heimisch und in Saarbrücken gar nur 17 Prozent. Kleiner Haken: Außer dem Einkaufen sehen die Luxemburger wenig Grund für einen Trier-Besuch. Wohingegen die Trierer immer häufiger zum Kultur-Konsum ins Großherzogtum fahren.

Den schwersten Brocken hatte sich zur Nieden für den Schluss aufgehoben: die Befragung in Metz. Es mussten Studenten mit guten Französisch-Kenntnissen gefunden werden. Das Ergebnis war fast spiegelbildlich zur Befragung in Trier: Die Metzer mögen und kennen Luxemburg, sind ab und zu in Saarbrücken und lassen Trier links liegen. Das Gros der Bürger kennt die Partnerstadt und ihre Umgebung überhaupt nicht. Allerdings besteht durchaus breites Interesse, den "kleinen Grenzverkehr" auszubauen.

Am interessantesten sind für Wissenschaftler zur Nieden die Erkenntnisse, die in allen Befragungen deckungsgleich waren. Was die Bürger überall monieren, sind mangelhafte Informationen über die jeweils anderen Regionen. Nur bei "offensiver Öffentlichkeitsarbeit" werde es gelingen, "die Schätze in den Nachbarstädten zu erkennen". Zur Nieden denkt dabei auch an ganz praktische Maßnahmen wie organisierte Bus-Shuttles zu wichtigen Ereignissen.

Im Bahn- und Busverkehr sei "das Kundenpotenzial weitgehend ungenutzt", lautet ein weiterer Kritikpunkt aus der Studie. Massiver Anstrengungen bedürfe es auch bei der "Verbesserung der Sprachkompetenz".

Aller Kritik zum Trotz: Unterm Strich sehen die Uni-Experten in ihrer Langzeit-Studie eine positive Tendenz. "Da bewegt sich eindeutig was in Richtung grenzüberschreitendes Bewusstsein", konstatiert zur Nieden, "aber es dauert". Der Bekanntheitsgrad von Institutionen wie "Großregion" und "Quattropole" sei von Befragung zu Befragung gestiegen. Ein Schlüssel-Ereignis beim Zusammenwachsen sei die Kulturhauptstadt 2007 gewesen. Deshalb empfiehlt er der Großregion und den Kommunen, "die Kultur als Wirtschaftsfaktor nicht weiter zu unterschätzen".

Aber auch an die großen Regionalzeitungen in Saar-Lor-Lux richtet die Studie in ihrem Fazit einen Appell: Sie sollten in ihrer Berichterstattung "noch mehr Interesse für die Nachbarn wecken".

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