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Ausbildung, ein Rendezvous mit der Realität

Ausbildung, ein Rendezvous mit der Realität

Derzeit muss die duale Ausbildung um ihren guten Ruf kämpfen. Denn immer weniger Schüler wollen eine Lehre machen. Dabei belegen Untersuchungen, dass Nichtakademiker nicht seltener Erfolg im Job haben.

Trier. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre"oder "Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt": Diese angestaubten Sprüche aus Großvaters Zeiten sind wohl kaum dafür verantwortlich, dass die duale Ausbildung derzeit um ihren Ruf kämpfen muss. Wohl eher, weil die Orientierung fehlt. "Den Jugendlichen stehen heutzutage unzählige Möglichkeiten offen. Die Herausforderung ist es, sich rechtzeitig über diese Möglichkeiten zu informieren, herauszufinden, was zu einem passt und dann die Entscheidung für einen bestimmten Berufsweg zu treffen", formuliert Adele Müller, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur Trier, die schwierige Aufgabe. Günther Behr, Geschäftsführer Ausbildung bei der Handwerkskammer (HWK) Trier fordert eine Berufsorientierung deshalb "bereits in der Mittelstufe. Aber die Eltern brauchen eine Orientierung am nötigsten, da sie die wichtigsten Ratgeber und Mitentscheider für ihre Kinder sind", sagt er. Eltern argumentierten häufig aus ihrer persönlichen Perspektive, die Ausbildung und deren Inhalte hätten sich jedoch teils komplett gewandelt. Junge Leute wüssten deshalb heute oftmals nicht, wo sie stünden. "Da ist eine Ausbildung eine Art Rendezvous mit der Realität", sagt er. Bestätigt wird dies durch eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier, wonach 76 Prozent der Betriebe unzureichende Berufsvorstellungen ihrer Bewerber kritisierten.Bedeutung der Azubis wächst

Weil immer weniger Kinder geboren werden und so seltener Fachkräfte für die Wirtschaft nachrücken, "wird die Bedeutung der dualen Ausbildung immer wichtiger und auch deutlicher", ist Ulrich Schneider, Abteilungsleiter Ausbildung bei der IHK Trier, überzeugt und verweist auf eine zunehmende Zahl von Betrieben, die erstmals ausbilden wollten. Bislang habe sich auch die Politik zu sehr auf die akademische Bildung fokussiert, sagt Schneider: "Duale Ausbildung ist keine zweite Wahl und keine Einbahnstraße - im Gegenteil." Edeltraud Nikodemus, operative Geschäftsführerin der Trierer Arbeitsagentur, unterstützt dies: "Das Studium darf nicht gegen die betriebliche Ausbildung ausgespielt werden. Eine Gleichwertigkeit der Ausbildungsformen ist gefragt." So würden Jugendliche für die Betriebe immer wichtiger. Und umso mehr müssten diese auch neue Bewerbergruppen in den Blick nehmen wie etwa benachteiligte Jugendliche (siehe unten stehenden Bericht). Die Agentur appelliert deshalb an die Betriebe, Noten auch zu hinterfragen und Jugendliche häufiger auf ihre Eignung zu testen. Die Industrie versucht vor allem, mit Jobgarantien und Gehaltsaussagen zu punkten. Laut Untersuchungen verdienen Akademiker nämlich nicht grundsätzlich mehr (siehe Grafik) als Nichtakademiker. Was die Arbeitslosigkeit angeht, so lag diese bei Akademikern 2012 bei 2,5 Prozent, bei Arbeitnehmern mit betrieblicher Ausbildung bei fünf Prozent, bei Meistern oder Technikern allerdings nur bei 2,1 Prozent. Auch was die Sicherheit des Arbeitsplatzes angeht, gibt es Unterschiede: Der Anteil von Akademikern in befristeter Anstellung lag laut Statistischem Bundesamt 2011 bei 10,3 Prozent, der von Meistern und Technikern bei 5,7 Prozent. "Allmählich tut sich etwas", ist Günther Behr überzeugt: "Es spricht sich herum, dass es keinen Durchmarsch vom Abi übers Studium zum Akademikerjob gibt, sondern viele in Traineestellen, Teilzeit und Befristung hängenbleiben", sagt er und verweist auf den Fall eines 40-jährigen Juristen in der Maurerlehre. "Diese Extremfälle wird es häufiger geben." Michael Müller, Schulleiter der Trierer Berufsschule (BBS) Gewerbe und Technik, nennt eine Ausbildung "DEN Weg in die Praxis: Wer eine Lehre macht, fällt weich. Denn selbst, wer später nicht in diesem Beruf arbeitet, hat etwas, worauf er zurückgreifen kann." Unterstützung auf dem Weg von der Schule in den Beruf erhalten Jugendliche und Eltern bei der "Zukunftsthotline" der HWK und IHK sowie der Arbeitsagentur als Ausrichter der aktuellen Woche der Ausbildung am Donnerstag, 10. März, 14 bis 18 Uhr bei den jeweiligen Fachleuten: Adele Müller, Agentur für Arbeit Trier, Telefon 0651-2051107Petra Kollmann, HWK Trier, Telefon 0651-207232Petra Scholz, IHK Trier, Telefon 0651-9777361 Extra

In der Region Trier gab es 6329 Schulabgänger im Jahr 2013 (aktuellste Auswertung), davon haben gut fünf Prozent keinen Abschluss, 22 Prozent Hauptschulabschluss, 41 Prozent Realschulabschluss und gut 30 Prozent allgemeine Hochschulreife. Zusammen mit den Absolventen einer BBS liegt die Studienberechtigtenquote bei über 50 Prozent. 2015 waren bei der Agentur für Arbeit 3914 freie Ausbildungsstellen gemeldet - und 3439 Bewerber. Mit 313 Lehrstellen blieben 79 mehr als 2014 unbesetzt. Dafür sind mit 130 Jugendlichen 50 weniger als im Vorjahr leer ausgegangen. Für 2016 gibt es aktuell 2697 gemeldete Lehrstellen (plus zehn Prozent), aber nur 2090 interessierte Jugendliche. sas