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Begraben unter dem Pflaumenbaum

Begraben unter dem Pflaumenbaum

Im Totschlagsprozess gegen eine 35-jährige Brasilianerin wird schon in der nächsten Woche das Urteil gesprochen. Die genauen Hintergründe der vier Jahre zurückliegenden Tat werden wohl für immer im Dunkeln bleiben.

Trier. Den Namen des Kindes hatte die Mutter schon ausgesucht: Sie kam nicht dazu, ihn zu vergeben. In einer Februarnacht vor vier Jahren wurde das Baby in einem am Ortsrand von Hetzerath (Kreis Bernkastel-Wittlich) gelegenen Haus geboren. Unter widrigsten Umständen, die im Detail nie ans Licht kommen werden. Denn nur die erst wenige Monate zuvor von Brasilien nach Deutschland gezogene Mutter war dabei. Sie hat im Nachhinein einige Versionen erzählt über das Geschehen in jener Nacht.
Die zeitweise mit einem 41 Jahre älteren Deutschen liierte Brasilianerin soll das Baby ohne fremde Hilfe geboren und später mit einem Laken erstickt haben. Totschlag wirft ihr Staatsanwalt Eric Samel vor. Doch der Beweis wird schwierig zu führen sein. Denn niemand kann sagen, ob das Baby am Leben war, als es zur Welt kam. "Es hat sich nicht bewegt, es hat nicht geweint, es hat nicht geatmet", hat die Mutter einmal in einer Vernehmung gesagt.
Eine Aussage, die ihre Verteidigerin Martha Schwiering im Namen der Angeklagten gestern sinngemäß wiederholt - mit dem Zusatz: "Ich habe das Kind so feste an mich gepresst, dass mir bewusst war, dass es keine Luft mehr bekommen würde."
Die Brasilianerin hat ihren Bekannten in jener Nacht nicht geweckt. Sie ging in der heruntergekommenen, bitterkalten Wohnung die Treppe hinunter, weil sie auf die Toilette wollte. "Als ich unten war, kam das Kind sofort heraus", lässt sie ihre Anwältin sagen. Sie wickelt es in ein Laken, lässt es später auf dem Boden liegen und schleppt sich selbst, geschwächt von der Niederkunft, auf allen vieren die Treppe hin-auf in die Küche, wo sie schläft. Tags drauf vergräbt sie den Leichnam im Garten unter einem Pflaumenbaum.
Monate später gräbt die Brasilianerin das tote Baby wieder aus - auf Anweisung ihres Lebensgefährten, der das Haus angeblich verkaufen will. Der Mann macht noch Fotos von dem Leichnam und entnimmt ein winziges Stück Knochen; Beweise für das mutmaßliche Verbrechen, die er später der spanischen Polizei übergibt. Nur so wird die Tat überhaupt bekannt. Warum der heute 76-jährige Hauseigentümer sie mit über einjähriger Verspätung bei der Polizei anzeigt, bleibt ungewiss. Vielleicht aus Rache, weil sich die Freundin inzwischen von ihm getrennt und einem anderen Mann zugewandt hat? Man würde seine Version des vier Jahre zurückliegenden Geschehens gerne im Trierer Gerichtssaal hören. Doch auf weitere Zeugenladungen haben alle Prozessbeteiligten gestern Nachmittag verzichtet. Warum eigentlich? Der offenbar ständig zwischen Spanien, Portugal, Deutschland und Schweden pendelnde Senior wäre wohl der Einzige, der ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen könnte.
Immerhin steht inzwischen fest, dass er nicht der leibliche Vater des toten Babys ist. Weil es ein Mädchen war, hätte es den Namen Laura bekommen sollen. Die nach Spanien gebrachten sterblichen Überreste wurden nie gefunden. Sie wurden vergraben ist eine Version, sie wurden verbrannt eine andere.
In Spanien lebt auch der dreijährige Sohn der Angeklagten, den die Frau mit ihrem neuen Lebensgefährten bekommen hat. Seit einem dreiviertel Jahr hat der kleine Louis seine Mutter nicht mehr gesehen. "Sie hängt an ihm", sagt der Staatsanwalt.