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Behält der Minister Recht, wird der Ring eine Goldgrube

Behält der Minister Recht, wird der Ring eine Goldgrube

Kommt der legendäre Nürburgring aus den Negativschlagzeilen? Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) glaubt fest daran und prophezeit der Rennstrecke in der Eifel rosige Zukunftsaussichten.

Mainz. Im politischen Leben des Sozialdemokraten Hendrik Hering gibt es offenbar zwei Zeitrechnungen. Die eine hat im Juli 2009 begonnen, als er innerhalb der Landesregierung die Verantwortung für das Projekt "Nürburgring 2009" übernahm. Seitdem ist sein Talent als Aufräumer gefragt, worüber der Westerwälder gerne spricht.

Über die Zeit davor schweigt Hering lieber, denn sie handelt von Misswirtschaft, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen oder vernichtenden Gutachten des Landesrechnungshofes. Von Vorgängen also, die seinen ehemaligen Kabinettskollegen Ingolf Deubel als Finanzminister sowie den Ex-Hauptgeschäftsführer der Nürburgring GmbH, Walter Kafitz, und Ex-Finanzchef Hans Lippelt aus dem Amt fegten. Zu seiner Ausgangslage sagt Hering nur, "man hätte für weniger Geld rentierlicher bauen können". Und: "Immobilien kann man nicht wegtragen."

Was der Minister aktuell zu verkünden hat, betrifft die Perspektiven der Rennstrecke. Er geht davon aus, dass sein im Dezember 2009 vorgestelltes "Zukunftskonzept" trägt und dass sich die Investition von 330 Millionen Euro für das neue Freizeit- und Geschäftszentrum auf Dauer rentiert. Hauptbestandteil des Konzeptes war, zwischen Besitz und Betrieb der Anlagen zu trennen. Besitzer der Immobilien ist die weitgehend landeseigene Nürburgring GmbH. Das Management verantworten Private: Jörg Lindner von der Hotelgruppe und Kai Richter mit seiner Mediinvest GmbH. Sie sollen Gewinne erwirtschaften und 85 bis 90 Prozent davon an die Ring GmbH abführen. So sehen Herings Pläne im Detail aus:

Die Kosten: Die Nürburgring GmbH braucht bis zu 800 000 Euro jährlich für ihr achtköpfiges Personal. An Zinsen für die 330-Millionen-Euro-Kredite zahlt sie rund zehn Millionen Euro im Jahr, für Abschreibungen/Tilgungen zehn bis elf Millionen.

Die Einnahmen: Das Land hat mit den Betreibern eine Mindestpacht vereinbart, die von 2011 an stufenweise auf 15 Millionen Euro ab 2013 steigen soll. In diesem Jahr sollte aufgrund einer Anlaufphase noch nichts fließen. Laut Hering laufen die Geschäfte aber so gut, dass schon "Millionen" gezahlt werden. Er verweist darauf, dass der aktuelle Geschäftsplan der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young ab 2015 Pachtzahlungen von 23 Millionen Euro und ab 2018 von 28 Millionen vorsieht.

Die Zusatzeinnahmen: Noch nicht kalkuliert sind "Effizienzgewinne", die man sich vom systematischen Durchforsten von 1100 Altverträgen der Nürburgring GmbH verspricht. Bei Bier- und Lieferantenverträgen, Werberechten oder der Nutzung der Nordschleife lassen sich laut Hering "gigantische" Mehreinnahmen erzielen.

Die Arbeitsplätze: 473 Mitarbeiter hat die Betreibergesellschaft Nürburgring Automotive GmbH derzeit. Und 42 offene Stellen.

Die Altlasten: Das Land hat als Hauptgesellschafter der Nürburgring GmbH in den vergangenen Jahren 79 Millionen Euro zukommen lassen. Dieses Geld wird nicht zurückgezahlt, auch Zinsen nicht. Die Steuermittel dürften verloren sein.

Der Schadenersatz: Für die explosionsartig gestiegenen Baukosten beim Projekt "Nürburgring 2009" soll einerseits der Generalplaner haftbar gemacht werden. Die Planungsschäden werden auf 36 Millionen Euro beziffert. Andererseits werden Ansprüche gegen Ex-Ring-Chef Kafitz (8,4 Millionen) und Ex-Finanzchef Lippelt (2,3 Millionen) geltend gemacht. Eine Klage beim Landgericht Koblenz wird in Kürze eingereicht. Von Betreiber Kai Richter fordert das Land keinen Schadenersatz, will aber von ihm ebenfalls rund zehn Millionen Euro wiederhaben.

Die Formel 1: Das Rennen 2011 ist vertraglich gesichert. Für 2013 und danach muss mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone verhandelt werden. Minister Hering traf ihn kürzlich erstmals in Monza und redet von "guten Gesprächen".

Meinung

Aus dem Fenster gelehnt

Wirtschaftsminister Hendrik Hering ist bei seinen Aufräumarbeiten am Nürburgring nicht zu beneiden. Er muss das Desaster, das andere angerichtet haben, ausbaden, frei nach der Devise "Retten, was zu retten ist". Bislang scheint das, was Hering anbietet, Hand und Fuß zu haben. Es war richtig, die Verantwortlichen in die Wüste zu schicken und haftbar zu machen, soweit dies möglich ist. Es war auch korrekt, die Nürburgring GmbH mit ihren unzähligen Tochtergesellschaften zu entflechten. Und es ist offenbar erfolgversprechend, das Management der Rennstrecke und ihrer Anlagen von privaten Profis erledigen zu lassen. Wobei einer von ihnen, der Düsseldorfer Kai Richter, in der Vergangenheit unangenehm aufgefallen ist, weil sich der scheinbare Investor als Projektentwickler entpuppte und vom Land alimentiert wurde. Gelingt es dem Minister tatsächlich, das höchst umstrittene Projekt in geordnete Bahnen zu lenken, hat er wohl sein Meisterstück gemacht. Allerdings hat sich Hering mit seinen kühnen Prognosen für die Geschäftsentwicklung weit aus dem Fenster gelehnt. Schon heißt es von der Opposition, sie seien unglaubwürdig. Treten sie nicht ein, wird Hering künftig ein sehr scharfer Wind um die Nase wehen. f.giarra@volksfreund.de