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Beinahe-Tränen und faule Komplimente

Beinahe-Tränen und faule Komplimente

Die ersten Runden der US-Präsidentschaftswahl haben sich zu emotionsgeladenen Auseinandersetzungen entwickelt, bei denen es mittlerweile vor allem für Hillary Clinton ums nackte politische Überleben geht.

Washington/Manchester. Es ist ein Moment, der mehr über Hillary Clintons Seelenzustand offenbarte als jede Rede und Verlautbarung. Die müden Augen schimmern feucht, die Stimme bricht, als sie bei einem Wahlkampf-Stopp in New Hampshire in einem kleinen Café mit der Frage einer Wählerin konfrontiert wird: Wie Sie denn in diesen Zeiten ihren guten Mut behalte? "Es ist nicht leicht," gesteht sie und ringt für alle sichtbar mit der Fassung. Die Kameras klicken nonstop - Amerika hat das erlebt, was Beobachter später als "definierenden Augenblick" des Wahlkampfs bezeichnen. Hillary Clintons Beinahe-Tränen angesichts der sich gestern abzeichnenden schweren Niederlage bei der zweiten Vorwahl-Station - das war am Dienstag selbst der sonst so zurückhaltenden "New York Times" eine Titelgeschichte nebst Farbfoto wert. Denn die ersten Runden der US-Präsidentschaftswahl haben sich zu dramatischen, emotionsgeladenen Auseinandersetzungen entwickelt, bei denen es mittlerweile vor allem für das Lager der früheren First Lady ums nackte politische Überleben geht. Als gestern die ersten Wähler in New Hampshire ihre Stimmen abgaben, sah eine Reuters-Umfrage Hillary Clinton sogar um 13 Prozent hinter Barack Obama. "Obama scheint nicht zu stoppen," sagt der US-Demoskop John Zogby. Eine Entwicklung, die sich auch an der Resonanz der Öffentlichkeit ablesen lässt.Allianz von Republikanern und demokratischen Mitbewerbern

Während Hillary und der in den letzten 48 Stunden oftmals getrennt von ihr auftretende Ehemann Bill Mühe haben, Säle zu füllen, weisen die Ordner des farbigen Hoffnungsträgers Obama fast immer hunderte von Menschen ab, die oft weite Anreisen in Kauf nehmen. "Ich reite die Welle", verkündet dieser seinen jubelnden Anhängern. Sein Konter: Auch Martin Luther King und John F. Kennedy hätten dem Volk Hoffnung gegeben - und hätten für jenen Wechsel und Wandel gestanden, den er verspricht. Dass Obama derzeit von den Republikanern vor allem Komplimente erhält, zählt zu den raffinierten Strategien dieser Präsidentschaftswahl. "Ich mag ihn, er ist ein sehr netter Kollege," lobt gestern beispielsweise John McCain - nach letzten Umfragen der wahrscheinliche Sieger der Bush-Partei in New Hampshire vor Mitt Romney - den Demokraten. Andere Republikaner, aber auch Clintons Mitbewerber John Edwards nutzten den Gefühlsausbruch von Hillary Clinton, um dieser entweder direkt oder subtil erneut eiskalte Berechnung vorzuwerfen - und um anzudeuten, das Ganze sei nur für die Medien inszeniert worden, um sie menschlicher darzustellen. Denn der Super-Start von Obama, der vor allem Jungwähler anzusprechen scheint, passt ins Konzept republikanischer Vordenker - wie das des früheren Bush-Beraters Karl Rove, der als "Chef-Architekt" der beiden Wahlsiege des Texaners gilt. Rove gab kürzlich der Obama-Kampagne in einem Zeitungsbeitrag Hinweise, wie dieser gegen Hillary Clinton Erfolg haben könnte - mit dem klaren Hintergedanken, dass bei der nationalen Entscheidung um das Weiße Haus der farbige Newcomer der einfachere Gegner sein werde. Ein Konzept, das angesichts des glänzenden Frühstarts Obamas aufgehen könnte. Denn die Stimmung in Iowa und New Hampshire zeigt: Was von den Beratern der früheren First Lady als "Anti-Bush"-Wahl verkauft werden sollte, ist angesichts der kuriosen Allianz von Republikanern und demokratischen Mitbewerbern nun zu einer "Anti-Clinton"-Wahl geworden.