Beispiel Kennedy

US-Präsident George W. Bush hält sich, wie er immer wieder gerne betont, für eine geschichtsbewusste Person. Auf seinem Nachttisch liegen stets griffbereit die Biografien früherer amerikanischer Präsidenten.

Schade nur, dass er eine offenbar noch nicht gelesen hat: Die von John F. Kennedy. Dieser stand ­ wie Bush ­ während der Kuba-Krise vor einem ähnlichen Problem: Wie der Welt überzeugend klar machen, dass von Massenvernichtungswaffen ­ damals direkt vor der amerikanischen Haustür ­ eine akute Gefährdung ausgeht? Kennedy lagen die gestochen scharfen Aufklärungsfotos eines U 2-Flugzeugs vor, die russische Atomraketen auf kubanischen Abschussrampen zeigten. Auf dem Höhepunkt der Krise, als Russland noch jegliche Waffen-Stationierung abstritt, sahen die US-Bürger und der Rest der Welt dann die Beweise ­ und jeder Amerikaner konnte die Bedrohung für sich selbst einschätzen. Gestern nun ließ die US-Regierung in Tokio verkünden, man habe "sehr überzeugende Beweise" dafür, dass der Irak Massen-Vernichtungswaffen besitze und weiter produziere. Doch bis heute ist keinem amerikanischen Normalbürger auch nur ein einziger dieser viel zitierten Belege präsentiert worden. Stattdessen prangert das Weiße Haus lieber gebetsmühlenhaft die irakische Weigerung an, wie in der letzten Resolution gefordert alle Waffensubstanzen und Programme offen zu legen, und verweist auf frühere Missetaten Saddams. Natürlich: Der Irak verheimlicht hier, was auch Hans Blix bestätigt. Doch der amerikanischen Argumentation hätte es schon vor Wochen, wenn nicht Monaten geholfen, wenn man endlich ­ im Stile Kennedys ­ selbst offenlegt, was man an schlüssigen Beweisen zu besitzen glaubt. Und auch so manche transatlantische Belastungsprobe hätte damit womöglich abgemildert oder gar vermieden werden können. nachrichten.red@volksfreund.de