Bemerkenswerter Gastauftritt im Club der deutschen Russland-Versteher

Bemerkenswerter Gastauftritt im Club der deutschen Russland-Versteher

Es hat, räumt der Vorsitzende Mathias Platzeck ein, intern "die eine oder andere Anmerkung gegeben". Und auch die russische Botschaft sei nicht amüsiert gewesen, ausgerechnet Michail Chodorkowski zum "Deutsch-Russischen Forum" einzuladen.

Berlin. Jetzt ist der schwerreiche einstige Ölmagnat, Ex-Häftling und prominenteste Gegner Wladimir Putins gekommen. "Ich muss ja nicht mit allem übereinstimmen", sagt Platzeck, einst Ministerpräsident in Brandenburg. Die Distanz ist mit Händen zu greifen.
Keiner klatscht, als der 51-jährige Russe, der zurzeit in der Schweiz lebt, den übervollen Saal betritt. Das Schweigen wirkt eisig. Aber vielleicht ist es auch bloß abwartend. Viele Russen und langjährige deutsche Russland-Freunde sind im Publikum, auch zwei Botschaftsvertreter. Das deutsch-russische Forum ist ein Club der Russland-Versteher. Im aktuellen Vereinsblättchen, das überall ausliegt, fordert Deutschlands früherer Botschafter in Moskau, Frank Elbe, "von einer Politik Abstand zu nehmen, die an den Grenzen zu Russland ein westliches Bollwerk errichten will". Elbe nennt die EU-Sanktionen das "Verhalten der Lemminge". Chodorkowksi (Foto: dpa) , dunkelblaues Hemd ohne Schlips, Intellektuellen-Brille, steht gebückt am Pult und redet leise. Aber schonungslos. Wirtschaftlich gerate Russland immer mehr in die Krise, sagt er. Und zwar unabhängig von den Sanktionen, die auch er falsch findet, weil sie die Russen noch mehr mit Putin zusammenschweißen. Aber die Ölpreise steigen schon seit geraumer Zeit nicht mehr, der Rest der Wirtschaft ist vernachlässigt, der Druck im Kessel nimmt zu, viele innovative Unternehmer verlassen das Land. Das Vertrauen in das Rechtssystem ist ausgehöhlt, weil es bei Bedarf von Putin und seinen Getreuen "manuell gesteuert" wird, um Gegner abzuservieren.
Chodorkowki ist selbst Opfer solcher Schauprozesse geworden, er hat über zehn Jahre abgesessen. Vor allem aber wirft er dem Präsidenten vor, ein autokratisches Regime errichtet zu haben, um nicht mehr abgewählt werden zu können. Früher habe er noch gesagt, Putin sei liberaler als 70 Prozent der Russen. Seit Putins jüngster Wiederwahl 2012 gelte das nicht mehr. Jetzt habe Putin "das Tier Nationalchauvinismus geweckt" und die Bevölkerung antiwestlich mobilisiert.
Einer im Publikum steht auf und fragt "Wollen Sie jetzt vom Ausland aus Ihren Landesverrat fortsetzen?" Chordorkowksi lächelt den Fragesteller an und bleibt ruhig. "Ich glaube, dass Russland zu lieben und dieses Regime zu lieben, einander ausschließen." Nein, Landesverräter will er nicht sein, sondern Brückenbauer. Er wolle den Russen helfen, die Brücke zu Europa zu sehen und zu betreten, zu europäischen Werten. Das, schildert er, sei das Ziel der von ihm gegründeten Stiftung "Offenes Russland". Es gehe nicht um andere Führer, sagt Chodorkowski, also wolle auch er nicht gegen Putin kandidieren. Sondern um ein anderes System. Ein System mit Gewaltenteilung, mit Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie.
So wie er es schildert, ist "Offenes Russland" am ehesten noch mit dem "Neuen Forum" zu vergleichen, einer DDR-Bürgerrechtsvereinigung, die 1989 auch das Denken verändern wollte, aber nicht die Macht anstrebte. Vielleicht hat sich Mathias Platzeck nun an seine eigene Vergangenheit erinnert. Jedenfalls geht der 60-jährige Sozialdemokrat zum Schluss ans Mikrofon und sagt - deutlich weniger distanziert als zu Beginn - : "Ich glaube, wir haben heute einen sehr nachdenklichen Abend erlebt". Die meisten klatschen.
Extra

Trotz der Waffenruhe in der Ostukraine erschütterten am Mittwoch Gefechte und Explosionen das zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten umstrittene Konfliktgebiet. Die Nato teilte in Brüssel mit, ein Teil der russischen Truppen habe sich aus der Ostukraine zurückgezogen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko will sich heute in Kiew über die Zukunft seines Landes äußern. Bei dem im April ausgebrochenen Konflikt sind bisher nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 3500 Menschen gestorben. Tausende wurden verletzt. dpa

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