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Beste Aussichten nur für größere Städte

Beste Aussichten nur für größere Städte

Mehr als 20 000 Studierende sind an der Universität, der Hochschule und der Theologischen Fakultät in Trier eingeschrieben. Sie sind ein Jungbrunnen für die älteste Stadt Deutschlands. Für die außerordentlich ungewöhnliche Altersentwicklung der Trierer Bevölkerung sind aber weitere Aspekte wichtig.

Trier. Wenn es Universität und Hochschule nicht gäbe, müsste man sie neu erfinden. "Die Studierenden sind der Hauptgrund dafür, dass Trier bundesweit zu den interessantesten Städten für die Zuwanderung gehört", sagt Waldemar Vogelgesang. Der Soziologie-Professor analysiert regelmäßig gemeinsam mit seinen Kollegen und Studenten, wie sich die Gesellschaft verändert. Auch beim Blick auf die Altersstruktur der Bevölkerung geht es dabei darum, Ursachen zu erklären.Hochschulen unverzichtbar


Trier und sein Umland profitierten von der Nähe zu Luxemburg, so Vogelgesang. "Wenn es Luxemburg gutgeht, geht es auch Trier gut." Entscheidungen wie die Reaktivierung der über Jahrzehnte kaum genutzten Westtrasse für schnelle ÖPNV-Verbindungen nach Luxemburg zeigten, dass die Politik dies erkannt habe. Unabhängig davon sei Trier ein interessanter Arbeitsstandort, mit vielen attraktiven und innovativen Unternehmen auch im Umfeld der Universität. "Zuwanderer sind im Durchschnitt mindestens zehn Jahre jünger als die heimische Bevölkerung. Das trägt natürlich zu einem vergleichsweise niedrigen Durchschnittsalter bei." 40,7 Jahre - das ist der Wert für die Menschen in Trier im vergangenen Jahr. So jung ist keine andere Stadt im Land. Besonders beachtenswert: Der Altersdurchschnitt liegt sogar um 0,1 Jahre unter dem vor 20 Jahren.
Hochschulen als Katalysatoren für eine florierende Entwicklung - darauf setzen auch Stadtverwaltung und Rat. So war es zwischen 2005 und 2010 die Einführung der Zweitwohnsitzpflicht für Studenten, die Trier nicht nur jünger werden ließ, sondern auch einen ordentlichen Bevölkerungszuwachs brachte: Seitdem leben offiziell deutlich mehr als 100 000 Menschen in der Stadt. 114 914 lautet die amtliche Zahl für 2015.
"Dank ihrer Universitäten, der räumlichen Nähe zu Luxemburg und der Zuwanderung der vergangenen Jahre ist Trier aktuell sowohl die älteste als auch jüngste Stadt in Rheinland-Pfalz", kommentiert Oberbürgermeister Wolfram Leibe die positive Entwicklung. "Stadt und Verwaltung sind sich jedoch sehr bewusst, dass dieser Zustand nicht in Stein gemeißelt ist. Wir arbeiten hart daran, auch in Zukunft eine attraktive und lebenswerte Stadt für Menschen unterschiedlichster Generationen und Herkunft zu schaffen."
Mehr Wohnungsbau und neue Baugebiete hält der Verwaltungschef dabei für wesentlich. So sei vom Stadtrat zum Beispiel der zehn Millionen Euro teure Bau von 83 Sozialwohnungen beschlossen worden, in die zunächst vor allem anerkannte Asylbewerber einziehen sollen. Grundsätzlich soll damit aber auch dazu beigetragen werden, den steigenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum zu decken. Grundsätzlich gilt seit 2014 ein Beschluss, dass bei neuen Bauten mit Geschosswohnungsbau mindestens ein Viertel als sozial geförderte und barrierefreie Mietwohnungen zu realisieren ist.
Nach Überzeugung von Waldemar Vogelgesang wird neben dem bezahlbaren Wohnraum aber auch die Mobilitätsfrage immer wichtiger für die Wahl eines Wohnortes. "Unsere Jugendstudien zeigen, dass Kollektivverkehre für junge Menschen eine große Rolle spielen. Dabei geht es nicht nur um Bahn oder Bus, sondern auch um Dinge wie Car-Sharing."
Noch wichtiger ist das Thema Mobilität allerdings für die kleineren Städte und Dörfer, nicht nur in der Eifel, auf dem Saargau und im Hunsrück. Ralph Spiegler, Vorsitzender des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, weiß von den Nöten der Menschen auf dem Land, die im Durchschnitt deutlich älter sind als die in Trier, Ludwigshafen oder Kaiserslautern. "Der demografische Wandel mit einem zunehmenden Schrumpfungs- und Alterungsprozess hat längst auch Rheinland-Pfalz erreicht", sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Nieder-Olm bei Mainz. "Auch die Zuwanderung von vielen jungen Flüchtlingen wird daran nichts Grundlegendes ändern, sondern allenfalls in bestimmten Gebieten zu einer vorübergehenden Abflachung der Altersquote führen." Den Umbau zu einer altersfreundlichen Gesellschaft hält Spiegler deshalb für unverzichtbar."Senioren nicht vergessen!"


"Wir versuchen gerade mit großen Anstrengungen, ein kinderfreundliches Land zu werden. Genauso müssen wir uns anstrengen, die Gemeinden und Städte altersgerecht umzubauen." Barrierefrei Zugänge zu öffentlichen Gebäuden, die flächendeckende ärztliche Versorgung auch auf dem Land und ein funktionsfähiges Mobilitätsnetz nennt er als wichtige Eckpunkte. Ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung vom Land sei das allerdings nicht machbar. "Gerade die Kommunen, die von dem demografischen Wandel besonders deutlich betroffen sind, benötigen zusätzliche Infrastrukturmittel."
Welche Gemeinden das sind, macht Soziologe Vogelgesang an einer einfachen Rechnung fest: "Wenn ein Ort 30 bis 40 Kilometer von einem Mittelzentrum entfernt liegt, ist das problematisch." Stadtnahe Dörfer hingegen erlebten einen Aufschwung. "Trier und die Dörfer im Umland werden bis zum Jahr 2050 keine dramatischen Einbrüche bei den Bevölkerungszahlen erleben", ist der Wissenschaftler überzeugt. Bei der Stadtverwaltung Trier wird eine solche Prognose gerne gehört. Denn jeder gemeldete Einwohner bedeutet für eine Gemeinde auch bares Geld. So erhält die Stadt Trier in jedem Jahr pro Person 1349 Euro aus dem kommunalen Finanzausgleich. Für 2015 addiert sich das auf eine Summe von knapp 154 Millionen Euro.Extra

Steigende Lebenserwartung und geringe Geburtenzahlen treiben das Durchschnittsalter in Rheinland-Pfalz nach oben. Die Bevölkerung ist innerhalb von zwei Jahrzehnten um 4,5 Jahre gealtert und zählt nun 44,7 Lenze. Das zeigt eine Auswertung der Initiative "7 Jahre länger" auf Basis der Bevölkerungsdaten des Statistischen Landesamtes für 2015. Rheinland-Pfalz zählt damit zu den Bundesländern, die seit 1995 überdurchschnittlich gealtert sind. Bundesweit ging der Altersschnitt "nur" um 4,2 auf 44,2 Jahre nach oben. Die aktuell ältesten Einwohner hat mit 47,4 Jahren Sachsen-Anhalt, die jüngsten mit 42,3 Jahren Hamburg. Beide Länder trennen 5,1 Jahre, 1995 lag die Differenz zwischen ältestem und jüngstem Bundesland noch bei 3,6 Jahren. Grund für das unterschiedliche Tempo der Alterung sind vor allem die Zu- und Fortzüge junger Menschen. Wanderungsbewegungen tragen auch in Rheinland-Pfalz dazu bei, dass das Altersgefälle weiter zunimmt. Es stieg seit 1995 von 4,8 auf 6,4 Jahre. Pirmasens als älteste Region kommt auf 47,1 Jahre, Trier als jüngste auf 40,7 Jahre. Die kreisfreie Stadt hat damit im bundesweiten Vergleich zugleich die fünftjüngste Bevölkerung. Am jüngsten sind die Einwohner mit 40,2 Jahren in Freiburg (Baden-Württemberg), am ältesten mit 49,8 Jahren in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) und dem Altenburger Land (Thüringen). Am schnellsten gealtert ist die Bevölkerung in Rheinland-Pfalz seit 1995 im Kreis Südwestpfalz. Die Menschen in der Gegend um Pirmasens sind heute durchschnittlich 6,7 Jahre älter. Während Rheinland-Pfalz 2015 insgesamt im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Jahre gealtert ist, geriet der Prozess bundesweit aufgrund der hohen Zuwanderung ein wenig ins Stocken. Das Durchschnittsalter sank um 0,1 Jahre auf 44,2 Jahre - der erste Rückgang seit der Wiedervereinigung. Langfristig ist der Alterungsprozess nach Einschätzung der Wissenschaftler jedoch nicht aufzuhalten. redExtra

114 914 Einwohner hatte die Stadt Trier Ende 2015. Das waren 6442 mehr als im Jahr davor. Verantwortlich für diesen Anstieg sind vor allem Flüchtlinge. Zwar wurden "nur" 700 Asylbewerber der Stadt zugewiesen. In den beiden Aufnahmeeinrichtungen in Trier-Nord und Euren waren aber - über das gesamte Jahr gerechnet - deutlich mehr Flüchtlinge untergebracht. Sie werden nach einem Berechnungsschlüssel der Bevölkerungsstatistik hinzuaddiert. r.n.