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Betrug mit dem Geld für Holocaust-Opfer

Betrug mit dem Geld für Holocaust-Opfer

Mit gefälschten Dokumenten sollen Mitarbeiter der Jewish Claims Conference, einer Organisation, die Holocaust-Opfern hilft, Geld aus Deutschland erschlichen haben. 17 Menschen sind angeklagt worden.

New York. (dpa/oht) In Deutschland hat der Zentralrat der Juden entsetzt auf einen Betrug mit für Holocaust-Opfer in den USA gedachtem Geld reagiert. Nach Angaben der US-Behörden wurden von Betrügern mindestens 42 Millionen Dollar (rund 30,5 Millionen Euro) aus Mitteln der Bundesregierung an Menschen ausgezahlt, die keinen Anspruch auf Entschädigung hatten. Insgesamt wurde Anklage gegen 17 Verdächtige erhoben, darunter sechs Angestellte des Holocaust-Fonds der Jewish Claims Conference. Der "New York Times" zufolge wurden mehr als 5000 gefälschte Anträge entdeckt. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt": "Es ist widerlich, das Grauen der Schoah für eigensüchtige Geldmacherei zu missbrauchen." Die Bundesregierung prüft nun, ob sie Schadenersatz verlangt. Berlin sei über die laufenden Ermittlungen in den USA fortwährend unterrichtet worden, sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums.

Einem Bericht der Zeitungen der Essener WAZ-Gruppe zufolge waren Berlin die Betrugsvorwürfe bereits seit Januar dieses Jahres bekannt. Zahlungen an die für die Verwendung der Gelder zuständige Jewish Claims Conference Against Germany (Konferenz für jüdische Ansprüche gegenüber Deutschland, JCC) in New York seien seither gestoppt worden.

Die Betrüger schalteten US-Medienberichten zufolge Anzeigen in russischsprachigen Zeitungen in den USA. Meist waren es Juden aus Osteuropa, aber auch aus den USA, die sich daraufhin meldeten. In ihrem Namen hätten die Betrüger Anträge auf deutsche Entschädigungszahlungen für Holocaust-Opfer gestellt. Wurde ein Antrag bewilligt, sei der ausgezahlte Betrag - je Fall um die 300 Euro monatlich - geteilt worden: Demnach bereicherten sich sowohl Mitarbeiter der JCC als auch vermeintliche Opfer.

Selbst Ermittler zeigten sich fassungslos angesichts des Ausmaßes: Über 16 Jahre hinweg sollen die Angeklagten mit den falschen Ausweisdokumenten Entschädigungen erschlichen haben. Ihre Rechnung ging laut einem Bericht des Fernsehsenders MSNBC so: Wer vorgab, im Ghetto gelebt zu haben oder mindestens 18 Monate in einem Arbeits- oder Konzentrationslager der Nazis gesessen zu haben, konnte mit einer monatlichen Zahlung rechnen. "Manche der älteren Empfänger hatten keinen Anspruch auf die Gelder, obwohl sie sicherlich während des Krieges gelitten haben. Wir versuchen das in Ordnung zu bringen", sagte Greg Schneider, Geschäftsführer der JCC.

Vier der Angeklagten haben sich laut MSNBC schuldig bekannt. Alle 17 Tatverdächtigen werden wegen "Betrugs unter Nutzung des Postdienstes" angeklagt, einige wegen Falschaussage und Geldwäsche.

Aufgeflogen war der Betrug, weil Angestellten der Claims Conference die Lebensgeschichte mehrerer Antragsteller zu ähnlich erschienen war.