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Bewegende Worte zum Gedenken an Auschwitz

Bewegende Worte zum Gedenken an Auschwitz

"Nicht als Historiker spreche ich, sondern als Überlebender" - Marcel Reich-Ranicki gibt im Bundestag Einblick in das Leben im Nationalsozialismus. Die Abgeordneten erlebten einen denkwürdigen Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.

Berlin. Die meisten verstehen nur Satzfetzen, Fragmente. Aber sie verstehen, dass es Fragmente des Grauens sind und dass die Satzfetzen von einem gesprochen werden, der dieses Grauen selbst erlebt hat. Marcel Reich-Ranickis Stimme ist brüchig geworden in seinem 91. Lebensjahr und seit dem Tod der geliebten Frau Teofila vor neun Monaten. Der literarische Zeigefinger sticht nicht mehr in die Luft. Und doch herrscht völlige Stille im Plenarsaal des Bundestages, als der Redner geendet hat. Erst als Bundespräsident Christian Wulff zu dem alten Mann geht und ihm aus seinem Stuhl aufhilft, fangen die Abgeordneten und Ehrengäste an zu klatschen.
Der Bundestag hat eine denkwürdige Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus erlebt, am 67. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Über der Veranstaltung lag diesmal etwas mehr Spannung als sonst, wegen der gerade aufgedeckten Mordserie der Neonazis, wegen der gerade veröffentlichten Studie über den Antisemitismus in Deutschland, und auch, weil Wulff gerade eine heftige Affäre am Hals hat.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hält eine kurze Eröffnungsansprache. Er bekommt viel Beifall, als er sagt, dass 20 Prozent Deutsche mit antisemitischen Einstellungen "genau 20 Prozent zu viel sind".
Dann ist Marcel Reich-Ranicki dran. Er spreche hier nicht als Historiker, sagt er, sondern als Zeitzeuge. "Genauer: als Überlebender des Wahrschauer Ghettos." Im Folgenden liest er eines der ergreifendsten Kapitel aus seinem Buch "Mein Leben" vor. Er schildert den Tag, an dem die SS den Judenrat zusammenruft und ihm verkündet, dass das Warschauer Ghetto aufgelöst und alle Bewohner "umgesiedelt" werden. Der 22. Juli 1942. Reich-Ranicki, damals 22 Jahre alt, war dabei und schrieb das Protokoll. Fast wie eine Kamera, minutiös und ohne Wertungen, zeichnet der Redner diese Situation nach, die Sitzung selbst, die beginnenden Deportationen und Erschießungen, den Selbstmord des Obmanns des Judenrates, Adam Czerniaków. Zu Beginn der Rede fragt sich der Protokollant Reich-Ranicki, was die SS mit "Umsiedlung" wohl meint. Zu welchem Zweck, wohin? Der letzte Satz der Rede lautet: "Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod."
Die Ehrentribüne ist voll, auch die Regierungs- und die Bundesratsbank ist gut gefüllt. Kaum jemand hat verstanden, was Reich-Ranicki da genau gesagt hat. Die Redemanuskripte sind hinterher schnell vergriffen. Aber allen ist es wichtig gewesen, ihn zu hören und zu sehen, einen, der das alles, was nun im Nebel der Geschichte zu verschwinden droht, selbst erlebt hat.Extra

Der Bundestag hat mit der Aufklärung der Umstände der Neonazi-Mordserie begonnen. Innerhalb von gut einem Jahr soll die Frage beantwortet werden, wie es zu den Taten der rechtsextremen Zwickauer Neonazi-Gruppe kommen konnte und welche Pannen es bei den Sicherheitsbehörden gab. Dazu konstituierte sich am Freitag in Berlin ein elfköpfiger Untersuchungsausschuss.dpa